Polymyalgia rheumatica –

wenn Schultern und Hüften schmerzen oder
immobil von heute auf morgen

Die Polymyalgia rheumatica (PMR) ist nach der Rheumatoiden Arthritis die zweit häufigste entzündlich-rheumatische Systemerkrankung im höheren Lebensalter. Trotz ihrer guten Behandelbarkeit wird sie oft spät erkannt – nicht zuletzt, weil ihre Symptome unspezifisch erscheinen und mit degenerativen Beschwerden verwechselt werden können. Nur gut 25 % aller Patientinnen und Patienten mit V. a. eine Polymyalgia rheumatica werden zum Rheumatologen überwiesen. Die aktuelle Leitlinie zur Polymyalgia rheumatica befürwortet eine rheumatologische Vorstellung jeder Person mit vermuteter oder kürzlich diagnostizierter Polymyalgia rheumatica um ein optimales Management der Erkrankung zu erreichen. Unkomplizierte Fälle können anschließend hausärztlich weiter betreut werden.

Typische Beschwerden: plötzlich, beidseitig, ausgeprägt

Charakteristisch für die PMR sind symmetrische Schmerzen und ausgeprägte Morgensteifigkeit im Bereich der Schulter- und Beckengürtelmuskulatur. Betroffene berichten häufig, dass alltägliche Bewegungen wie das Anheben der Arme oder das Aufstehen aus dem Sitzen plötzlich schwerfallen.

Die Beschwerden entwickeln sich meist subakut innerhalb weniger Tage bis Wochen. Die Morgensteifigkeit hält oft länger als 45–60 Minuten an – dies ist ein wichtiges Unterscheidungsmerkmal zu degenerativen Erkrankungen. Bei degenerativen Erkrankungen nehmen die Beschwerden häufig im Tagesverlauf zu. Häufig kommen Allgemeinsymptome wie Müdigkeit, subfebrile Temperaturen und Gewichtsverlust hinzu.

Wer ist betroffen?

Die PMR tritt nahezu ausschließlich bei Menschen über 50 Jahren auf, mit einem Erkrankungsgipfel zwischen 70 und 80 Jahren. Frauen sind etwa zwei- bis dreimal häufiger betroffen als Männer.

Wichtige Differenzialdiagnosen:

Die PMR ist eine klinische Diagnose – und eine Ausschlussdiagnose. Wichtige Differenzialdiagnosen sind unter anderem die rheumatoide Arthritis des höheren Lebensalters und degenerative Schulter und Halswirbelsäulen Erkrankungen. Außerdem können auch Muskelerkrankungen, Infektionserkrankungen und teilweise auch Malignome eine ähnliche Symptomatik hervorrufen.

Besondere Aufmerksamkeit verdient die enge Assoziation zur Riesenzellarteriitis (Arteriitis temporalis), die bei etwa 10–20 % der PMR-Patienten auftritt. Umgekehrt zeigen bis zu 50 % der Patienten mit Riesenzellarteriitis PMR-Symptome. Zeichen für eine Riesenzellarteriitis sind unter anderem neu aufgetretene Kopfschmerzen, Kauschmerzen und Sehstörungen.

Diese Konstellation erfordert eine sofortige Diagnostik und Therapie, um irreversible Komplikationen wie Erblindung zu verhindern.

Diagnostik: klinisch gestützt, laborchemisch bestätigt

Die Diagnostik setzt sich aus einer typischen Klinik sowie im überwiegenden Teil der Fälle deutlich erhöhten Entzündungsparametern zusammen. Typisch für diese Erkrankung ist das Fehlen der klassischen Autoantikörper wie Rheumafaktor, CCP- Antikörper oder antinukleäre Antikörper ( ANA).

Ergänzend können bildgebende Verfahren herangezogen werden. Hier ist insbesondere die Sonografie zu erwähnen. Sie zeichnet sich durch eine rasche zeitnahe Verfügbarkeit. Die Zuverlässigkeit der Ultraschallbefunde ist bei entsprechend geschultem Personal vergleichbar mit deutlich teureren bildgebenden Verfahren wie z. B. die Magnetresonanztomografie.

Außerdem können mit der Ultraschalluntersuchung frühzeitig Überlappungen mit einer Riesenzellarteriitis identifiziert werden.

Die Diagnose stützt sich auf klinische Kriterien, Laborwerte und das rasche Ansprechen auf Glukokortikoide, das nahezu als diagnostischer Test gilt.

Therapie: Glukokortikoide als Schlüssel

Die Behandlung der PMR ist in der Regel sehr effektiv. Bereits niedrige bis mittlere Dosen von Glukokortikoiden (z. B. 12,5–25 mg Prednisolon täglich) führen oft innerhalb von 24–72 Stunden zu einer deutlichen Symptomlinderung. Das weitere Vorgehen umfasst ein langsames Ausschleichen der Glukokortikoidtherapie über Monate bis Jahre sowie regelmäßige klinische und laborchemische Kontrollen. Bei rezidivierendem Verlauf oder Steroidnebenwirkungen kann eine steroidsparende Therapie (z. B. Methotrexat oder Sarilumab ) erwogen werden.

Verlauf und Prognose:

Die Prognose der PMR ist insgesamt gut. Die meisten Patienten erreichen unter Therapie eine stabile Remission. Allerdings sind Rezidive häufig, insbesondere bei zu schneller Dosisreduktion.

Langfristige Herausforderungen ergeben sich weniger aus der Erkrankung selbst als aus der Glukokortikoidtherapie, insbesondere kann sich unter längerfristiger Glukokortikoidtherapie eine Osteoporose oder ein Diabetes mellitus entwickeln. Außerdem besteht auch ein erhöhtes Risiko für kardiovaskuläre Erkrankungen.

Eine begleitende Prävention aus einem individuellen Übungsprogramm (z.B. Wassergymnastik, Nordic Walking, Spazierengehen oder Muskel und Körpertraining sowie Knochenschutz) ist daher essenziell.

Fazit:

Die Polymyalgia rheumatica ist eine häufige, aber gut behandelbare Erkrankung des höheren Lebensalters. Entscheidend ist, sie frühzeitig zu erkennen und konsequent zu therapieren. Besonders wichtig bleibt die Wachsamkeit gegenüber einer möglichen Riesenzellarteriitis – einer potenziell schwerwiegenden Komplikation, die schnelles Handeln erfordert.

Bildergalerie

Aktuelle Ausgabe3/2026