Zecken: Überlebenskünstler mit Biss

Sie sind kaum größer als ein Stecknadelkopf, doch ihr Stich kann erheblichen Schaden anrichten: Zecken. Dabei sind die kleinen Blutsauger echte Überlebenskünstler, die es vermutlich seit Jahrmillionen gibt. Aufgrund der Klimaveränderungen sind sie inzwischen nahezu ganzjährig aktiv, milde Winter und warme Frühjahre verlängern ihre Saison. Am wohlsten fühlen sie sich bei Feuchtigkeit und gemäßigten Temperaturen. Trockene Hitze und starke Kälte vertragen sie hingegen schlecht. Ihre Hauptsaison sind deshalb Frühling und Frühsommer, wenn auch wir wieder mehr Zeit draußen verbringen.

Der Holzbock und seine Verwandten

Die mit Abstand häufigste Zeckenart in Deutschland ist der Gemeine Holzbock (Ixodes ricinus), hierzulande der wichtigste Überträger von FSME-Viren und Borrelien. Daneben tauchen aber zunehmend weitere Arten auf. Die Auwaldzecke ist vor allem für Hunde gefährlich, weil sie die mitunter lebensbedrohliche „Hundemalaria" (Babesiose) übertragen kann. Und seit einigen Jahren wird vereinzelt die wärmeliebende, ungewöhnlich große Hyalomma-Zecke gesichtet, die ursprünglich aus Asien, Afrika und Südosteuropa stammt und über Zugvögel zu uns gelangt. Sie kann das gefährliche Krim-Kongo-Hämorrhagische-Fieber übertragen, Erkrankungsfälle hat es in Deutschland bislang aber nicht gegeben.

Ein verbreiteter Irrglaube: Zecken würden von Bäumen fallen oder springen. Tatsächlich sitzt der Holzbock in Gräsern und Sträuchern und wird abgestreift, wenn ein Mensch oder Tier vorbeikommt, also auch im Stadtpark, im Garten oder im Freibad. Auwald- und Hyalomma-Zecke gehen anders vor und bewegen sich aktiv auf ihren Wirt zu.

Borreliose und FSME: Die beiden wichtigsten Risiken

Ihre Krankheitserreger nehmen Zecken beim Blutsaugen an infizierten Tieren wie Nagern oder Vögeln auf und geben sie beim nächsten Stich an den Menschen weiter.

Die mit Abstand häufigste Zeckenkrankheit ist die Lyme-Borreliose, eine bakterielle Infektion. Je nach Region tragen schätzungsweise 5 bis 35 Prozent der Zecken den Erreger in sich. Doch ein Stich bedeutet noch lange keine Erkrankung, denn nur ein kleiner Teil der Gestochenen infiziert sich und zeigt Symptome. Ein typisches Frühzeichen ist die Wanderröte, eine ringförmige Rötung, die sich Tage bis Wochen nach dem Stich um die Einstichstelle ausbreitet (Bild 1). Frühzeitig mit Antibiotikum behandelt, heilt eine Borreliose meist vollständig aus. Tückisch wird sie vor allem, wenn sie unbemerkt bleibt, dann drohen Spätfolgen wie ein Befall des Nervensystems (Neuroborreliose), schubweise Gelenkentzündungen (Lyme-Arthritis) oder chronische Hautveränderungen.

Die zweite große Gefahr ist die Frühsommer-Meningoenzephalitis (FSME), eine Virusinfektion, die Hirnhaut und Gehirn betreffen kann. Gefährlich ist aber nicht jeder Stich, denn selbst in den Risikogebieten tragen nur etwa 0,1 bis 5 Prozent der Zecken das Virus in sich. Sie tritt nicht flächendeckend auf, sondern konzentriert sich auf Risikogebiete, vor allem im Süden und Südosten. In den letzten Jahren sind allerdings immer öfter nördlicher gelegene Regionen hinzugekommen. Welche Kreise betroffen sind, zeigt die aktuelle Karte des Robert Koch-Instituts unter www.rki.de/fsme-karte. Wer in den ersten ein bis zwei Wochen nach einem Stich grippeähnliche Beschwerden wie Fieber, Abgeschlagenheit oder Gliederschmerzen bemerkt, sollte einen Arzt aufsuchen. Gegen FSME gibt es eine wirksame Impfung, empfohlen für alle, die in einem Risikogebiet wohnen, dort Urlaub machen oder viel draußen sind.

Der entscheidende Zeitfaktor

Beim Zeitpunkt der Übertragung unterscheiden sich beide Erreger. Borrelien gelangen erst nach ein bis zwei Tagen Saugzeit in den Körper, FSME-Viren dagegen schon kurz nach dem Stich. Daraus folgt die wichtigste Regel: Eine Zecke sollte so schnell wie möglich entfernt werden. Bevor sie zusticht, krabbelt sie oft ein bis zwei Stunden über den Körper. Wer sich nach jedem Ausflug ins Grüne gründlich absucht, verhindert viele Stiche schon im Vorfeld. Den Stich selbst bemerkt man meist nicht, denn der Speichel der Zecke unterdrückt den Schmerz, hemmt die Blutgerinnung und dämpft die Immunabwehr. Beliebte Einstichstellen sind dünnhäutige Regionen wie Kniekehlen, Achseln, Leisten, Bauchnabel und der Bereich hinter den Ohren, bei Kindern auch Kopf und Hals.

Zecke entfernen - und zwar richtig

Das Grundprinzip ist bei allen Hilfsmitteln gleich: die Zecke möglichst dicht an der Haut an ihrem Mundwerkzeug fassen, niemals am vollgesogenen Körper, und langsam und gerade herausziehen. Anschließend die Einstichstelle desinfizieren. Genauso wichtig ist, was man nicht tun sollte: den Hinterleib quetschen, die Zecke ruckartig herausreißen oder sie mit Öl, Klebstoff, Nagellack oder Hitze „ersticken". All das setzt das Tier unter Stress und kann dazu führen, dass es vermehrt infektiöse Flüssigkeit in die Wunde abgibt. Als Hilfsmittel eignen sich feine Pinzetten, Zeckenkarten, Zeckenzangen und Zeckenschlingen (Bild 2). Egal welches man nutzt, die rasche Entfernung ist immer das Wichtigste.

Vorbeugen ist besser

Am sichersten ist es, gar nicht erst gestochen zu werden. Bewährt haben sich lange, helle Kleidung, auf der man Zecken leicht erkennt, das Hineinstecken der Hosenbeine in die Socken sowie zeckenabweisende Mittel mit den Wirkstoffen DEET oder Icaridin. Solche Mittel wirken aber nur zeitlich begrenzt. Unverzichtbar bleibt das gründliche Absuchen nach jedem Aufenthalt im Grünen.

Hoffnung auf einen Impfstoff gegen Borreliose

Während gegen FSME längst geimpft werden kann, fehlt ein solcher Schutz bei der Borreliose. Das könnte sich ändern, denn aktuell wird an einem Impfstoffkandidaten geforscht. Das Wirkprinzip ist clever: Geimpfte bilden Antikörper, die eine saugende Zecke aufnimmt und die die Erreger schon in der Zecke blockieren, bevor sie auf den Menschen übergehen. Ob und wann er auf den Markt kommt, bleibt abzuwarten. Bis dahin gilt: aufmerksam bleiben, schützen und absuchen.

Über den Autor

Vanessa Teichmann
Vanessa Teichmann
Apothekerin

Bildergalerie

Aktuelle Ausgabe02.07.