
Hyperakusis – Krankheit oder Normvariante
Hyperakusis bedeutet übersetzt „Mehr“- oder „zu-viel“-Hören. Eine Normalhörigkeit bezeichnet man als Normakusis und eine Schwerhörigkeit (=vermindertes Hören) als Hypakusis.
Warum also kann eine Hyperakusis ein Problem des Betroffenen darstellen?
Das Ohr ist 24-Stunden am Tag/Nacht in Funktion und eines der wichtigsten Sinnes-Organe des Menschen. Ohne ein ausreichendes Gehör könnten wir weder miteinander kommunizieren noch ausreichend lernen und keine Sicherheitstöne/-geräusche wahrnehmen. Ein normales Hörvermögen ist damit für das tägliche Überleben (nicht nur in unserer „zivilisierten“ Gesellschaft) unerlässlich. Ist das Hörvermögen reduziert (=Hypakusis, =Schwerhörigkeit) haben wir mehr oder weniger Probleme mit unserer Umwelt in Kontakt zu treten, bzw. können Sicherheitssysteme (da fast immer mit Tönen gestaltet) nicht korrekt wahrnehmen.
Bei einer Hyperakusis besteht das Problem in einer „zu guten Hörleistung“ bzw. viele Geräusche/Töne sind schmerzhaft laut.
Jeder Mensch hat eine sogenannte Unbehaglichkeitsschwelle. Dies ist eine „Hörkurve“, die von den Untersuchten als gerade noch akzeptabel angegeben wird.
Um Ihnen diese Theorie in „Bildern“ darstellen zu können, möchte ich Ihnen kurz am Beispiel eines sogenannten normalen Tonaudiogramms (=einer Aufzeichnung von Messkurven) darstellen, wie sich das Hörvermögen in „Daten“ darstellt. Diese Tonaudiogramme (Abbildung 1) sind wichtige Hilfsmittel in der Diagnostik von Hörstörungen.
Aufgezeichnet ist die Hörleistung für das rechte Ohr. Waagrecht ist die Tonhöhe (= Frequenz) und senkrecht die Hörschwelle (in Dezibel) aufgetragen. Die fast gleiche Darstellung von Luftleitung und Knochenleitung ist normal und bedeutet, daß keine Störung des Mittelohres vorliegt.
Im gelb schraffierten Bereich (250 – 4000 Hz) liegt der normale Sprachbereich. (Für die Erklärung der Hörschwelle von – 10 bis – 20 dB bitte den Verfasser kontaktieren.)
Die Linie 1 (=schwarz) zeigt die Messkurve eines Normalhörigen (=Normakusis). Die Linie 2 (=blau) zeigt die normale Unbehaglichkeitsschwelle, die bei etwa 110 dB liegt. Die Schraffierung in Abbildung 2 (=grün) stellt das normale Hörfeld dar. In diesem Bereich können Sie von der „fallenden Stecknadel“ bis zur „lauten Musik in der Disco“ alles hören, ohne (!) dass es Ihnen schmerzhaft oder zu laut erscheint. In diesem breiten Hörfeld reguliert Ihr Ohr sowohl Mittel- wie auch Innenohr und Ihr Gehirn die Verarbeitung von Tönen, Geräuschen, Musik und Sprache. Und filtert heraus, welche wichtigen und unwichtigen akustischen Reize in der Umwelt auf Sie einwirken.
Die Abbildung 3 zeigt Ihnen nun, wie die Wahrnehmung verändert wird, wenn die Unbehaglichkeitsschwelle ansteigt, Sie also an einer Hyperakusis leiden. Wieder stellt die Linie 1 (=schwarz) die normale Hörkurve dar. Die Linie 3 (=rot) zeigt nun eine Unbehaglichkeitsschwelle von 70 dB. Dies bedeutet, dass bereits laute Gespräche, tägliche Geräusche auf der Straße oder eine normale Unterrichtsstunde in der Schule als zu „laut“ und sehr oft „schmerzhaft“ empfunden werden. Die Schraffierung in Abbildung 3 (=rosa) zeigt Ihnen das Hörfeld eines Hyperakusis-Erkrankten. Sie können daraus schon erkennen, dass die Wahrnehmung im täglichen Leben erheblich eingeschränkt ist.
Nehmen Sie bitte dazu auch noch die Daten des „LÄRMOMETER“ (Abbildung 4) zu Hilfe.
Die genaue Ursache dieser Hyperakusis ist bis heute nicht geklärt. Man vermutet eine zentrale Fehlsteuerung der Sinneswahrnehmung „Hören“, d.h. das Gehirn verarbeitet die Informationen, die es vom Ohr erhält, nicht so, wie es eigentlich sein sollte. Daraus ergibt sich das veränderte Lautheitsgefühl. Dieser Umstand erklärt auch, dass gerade Patientinnen und Patienten mit Tinnitus aurium („dem Ohrensausen“) oft an einer Hyperakusis leiden. Insgesamt bedeutet es aber für den Erkrankten eine erhebliche Einschränkung im täglichen Leben. Erwachsene habe im Beruf zum Teil erhebliche Probleme, wenn sie in einem lauten (=lärmenden) Berufsfeld arbeiten. Damit kann eine Hyperakusis zu einer Berufsunfähigkeit führen und diese Fälle von Hyperakusiserkrankten, die berufsunfähig werden, nehmen an Häufigkeit zu. Wenn Kinder oder Jugendliche von einer Hyperakusis betroffen sind, ergeben sich daraus oft sehr schwerwiegende Probleme. Aufgrund des heutigen sehr lauten schulischen Umfeldes können die betroffenen Kinder und Jugendliche dem Unterricht schlecht oder gar nicht folgen, sie sind oft unkonzentriert und werden von Lehrer(innen) als „verhaltensgestört“ eingestuft. Die Eltern können auch oft nicht die Symptome einordnen, wenn Kinder nicht mehr zur Schule gehen wollen „weil es Ihnen dort zu laut ist“. Nicht selten werden Kinder zur schulpsychologischen Untersuchung „geschickt“, weil sie unter dem Tisch sitzen und nicht dem Unterricht folgen wollen (=können).
Ein weiteres Problem der Hyperakusis ist die eingeschränkte Therapiemöglichkeit. Für Erwachsene oder ältere Jugendliche kann eine sogenannte Noiser-Applikation versucht werden. Dies entspricht etwa einer Versorgung mit Hörgeräten, wobei die Noiser keine Verstärkung der Umgebungsgeräusche bzw. –töne durchführen, sondern eine besondere Form von Rauschen in einer speziell eingemessenen Lautstärke abgeben. Dies entspricht einer sehr aufwendigen und komplizierten Versorgung durch den(die) dafür besonders qualifizierte(n) Hörgeräteakustiker(in).
Für Kinder und jüngere Jugendliche sind bisher nur verhaltenstherapeutische Maßnahmen bekannt, die ebenfalls einer dafür besonders qualifizierten Gruppe von Therapeuten bedürfen.
Zusammenfassend handelt es sich bei der Hyperakusis um eine Erkrankung und keine Normvariante, die zum Teil erhebliche Auswirkungen auf das tägliche Leben haben kann.

Abb.1
Abb.2
Abb.3
Abb.4