Kann Arbeit die Gesundheit fördern?

Bei Arbeit und Gesundheit denken viele zuerst an Rückenschmerzen, Stress oder Unfälle. Doch Arbeit ist nicht grundsätzlich ein Gesundheitsrisiko. Unter den richtigen Bedingungen kann sie sogar dazu beitragen, dass Menschen körperlich und seelisch stabil bleiben. Entscheidend ist allerdings nicht nur, ob jemand arbeitet, sondern vor allem, wie.

Arbeit sichert zunächst den Lebensunterhalt. Ein verlässliches Einkommen ermöglicht eine angemessene Wohnung, ausgewogene Ernährung und gesellschaftliche Teilhabe. Mindestens ebenso wichtig sind die weniger sichtbaren Wirkungen: Arbeit gibt dem Tag Struktur, schafft soziale Kontakte und vermittelt im besten Fall das Gefühl, gebraucht zu werden. Wer Aufgaben bewältigt und Anerkennung erfährt, kann Selbstvertrauen und Sinn erleben. Auch die Weltgesundheitsorganisation (WHO) benennt Existenzsicherung, Gemeinschaft, geregelte Tagesabläufe, sowie das Erleben von Sinn und Leistung als mögliche positive Wirkungen guter Arbeit.

Dass Beschäftigung und Gesundheit zusammenhängen, zeigt sich besonders deutlich beim Verlust des Arbeitsplatzes. Arbeitslosigkeit kann nicht nur finanzielle Sorgen auslösen. Häufig gehen auch Tagesstruktur, Kontakte und soziale Anerkennung verloren. Mehrere Studien kommen zu dem Ergebnis, dass Arbeitslosigkeit die psychische Gesundheit im Durchschnitt verschlechtert und eine erneute Beschäftigung sie verbessern kann. Der Nutzen scheint jedoch vor allem dann erkennbar, wenn die neue Arbeit gute Bedingungen und eine gewisse Sicherheit bietet.

Damit ist auch die Grenze der gesundheitsfördernden Wirkung einer Beschäftigung beschrieben: Nicht jede Arbeit ist besser als keine Arbeit. Dauernde Überforderung, fehlende Wertschätzung, Mobbing, geringe Entscheidungsspielräume oder die ständige Angst vor dem Verlust des Arbeitsplatzes können krank machen. Australische Wissenschaftler konnten zeigen, dass eine Tätigkeit von sehr schlechter psychosozialer Qualität sogar mit einer ungünstigeren psychischen Entwicklung verbunden sein kann, als Arbeitslosigkeit.

Was zeichnet also gesunde Arbeit aus? Grundsätzlich sollten die Anforderungen am Arbeitsplatz zu den Fähigkeiten und Kräften des Menschen passen; Einfluss auf die Tätigkeit, nachvollziehbare Entscheidungen und verlässliche Erholungszeiten können zudem zu einem gesunden Arbeitsklima beitragen. Ebenso wichtig sind ein respektvoller Umgang, Unterstützung im Team und Anerkennung für geleistete Arbeit. Gesundheit entsteht eben nicht allein durch Obstkörbe, Rückenkurse oder gute Vorsätze. Solche Angebote ersetzen keine gut gestalteten Arbeitsbedingungen, können aber sinnvolle Angebote sein, die Gesundheit individuell zu fördern.

Ob Arbeit gesund macht, lässt sich daher nicht mit einem einfachen „Ja“ oder „Nein“ beantworten. „Gute Arbeit“ kann Gesundheit stärken: Sie bietet Sicherheit, Zugehörigkeit, Struktur, Anerkennung und Sinn. „Schlechte Arbeit“ kann dagegen Körper und Seele belasten. Betriebliche Gesundheitsförderung beginnt deshalb nicht erst beim Verhalten des Einzelnen. Sie beginnt bei der Frage, ob Menschen ihre Arbeit auf Dauer sicher, fair und mit angemessenen Handlungsspielräumen ausüben können.

Viele Betriebe setzen hier bereits schon mit Maßnahmen an, z.B. im Rahmen eines „betrieblichen Gesundheitsmanagements“ um gesündere Arbeitsbedingungen zu fördern.

Sollen Sie weitere Fragen zum Thema haben, kontaktieren Sie gerne ihren zuständigen Betriebsarzt oder Ihre Betriebsärztin.

Über den Autor

Dr. Timm Tristan Berg
Dr. Timm Tristan Berg
Ärztlicher Leiter Werksärztlicher Dienst Wetzlar e.V.
Facharzt für Innere Medizin, Infektiologie
Facharzt für Arbeitsmedizin

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