
Die Infizierte Endoprothese –
Warnzeichen erkennen, Diagnose sichern
und Behandlung einleiten
Künstliche Hüft-, Knie- oder Schultergelenke schenken vielen Menschen Beweglichkeit und Lebensqualität. In seltenen Fällen können sich jedoch Bakterien an der Prothese ansiedeln. Eine solche periprothetische Gelenkinfektion ist ernst, aber behandelbar - entscheidend sind eine frühe Abklärung und ein individuell abgestimmtes Vorgehen.
Was bedeutet „infizierte Prothese“?
Bei einer periprothetischen Gelenkinfektion befinden sich Krankheitserreger im Gewebe rund um das künstliche Gelenk oder direkt an dessen Oberfläche. Dort können sie einen Biofilm bilden: eine schützende Schicht, in der Bakterien für das Immunsystem und für Antibiotika schwerer erreichbar sind. Deshalb lässt sich eine tiefsitzende Protheseninfektion meist nicht allein mit Tabletten oder Infusionen beseitigen.
Welche Warnzeichen gibt es?
Mögliche Hinweise sind neu auftretende Schmerzen, Schwellung, Überwärmung, Rötung, eingeschränkte Beweglichkeit oder anhaltende Wundsekretion (Abb.1). Fieber kann vorkommen, fehlt bei schleichenden Verläufen aber häufig. Besonders eindeutig ist eine Fistel - also ein kleiner Gang von der Tiefe bis zur Haut - die mit dem Gelenk oder der Prothese in Verbindung steht (Abb.1).
Wichtig: Eine kleine nässende Stelle auf einer älteren Operationsnarbe sollte nicht ausgedrückt oder nur oberflächlich behandelt werden. Sie gehört zeitnah in die orthopädisch-unfallchirurgische Abklärung.
Wie wird die Diagnose gestellt?
Die Diagnose entsteht aus mehreren Bausteinen. Zunächst werden Beschwerden, Operationsverlauf und Wunde beurteilt. Blutuntersuchungen wie das C-reaktive Protein (CRP) können einen Hinweis liefern, eine normale Blutprobe schließt eine chronische Infektion jedoch nicht sicher aus. Häufig muss das Gelenk unter sterilen Bedingungen punktiert werden. Die Gelenkflüssigkeit kann auf Zellzahl und Erreger untersucht werden.
Röntgenaufnahmen zeigen die Stellung der Prothese und mögliche Lockerungszeichen. Computertomografie (CT) oder Magnetresonanztomografie (MRT) können Knochen und Weichteile genauer darstellen. Nuklearmedizinische Untersuchungen wie Leukozytenszintigrafie oder PET/CT kommen bei ausgewählten Fragestellungen hinzu (Abb.2). Ein auffälliges Bild allein beweist die Infektion nicht; es muss gemeinsam mit Klinik, Labor, Punktion und Gewebeproben bewertet werden.
Warum sind Gewebeproben so wichtig?
Wenn operiert wird, werden mehrere tiefe Gewebeproben entnommen. Oberflächliche Abstriche aus einer Fistel sind häufig durch Hautkeime verunreinigt. Bei medizinisch stabilen Patientinnen und Patienten sollten die Antibiotikagaben möglichst erst nach der Probenentnahme und -analyse begonnen werden. Bei Blutvergiftung oder schwerem Allgemeinzustand hat die sofortige Behandlung auf der unfallchirurgisch-septischen Station am UKGM selbstverständlich Vorrang.
Wie wird eine Protheseninfektion behandelt?
Die Therapie richtet sich unter anderem danach, wie lange die Beschwerden bestehen, wie fest die Prothese sitzt, welcher/e Erreger vorliegt/en und wie Knochen sowie Weichteile beschaffen sind. Meist planen Operateurinnen und Operateure, Mikrobiologie und Infektiologie die Behandlung gemeinsam.
Bei einer sehr frühen Infektion oder einer plötzlich über das Blut entstandenen Infektion kann die Prothese unter bestimmten Voraussetzungen erhalten werden. Dabei wird das Gelenk gründlich eröffnet und gereinigt, erkranktes Gewebe entfernt und austauschbare Prothesenteile werden gewechselt. Anschließend folgt eine gezielte Antibiotikatherapie.
Bei länger bestehenden Infektionen, einer lockeren Prothese, problematischen Erregern oder ungünstigen Weichteilverhältnissen ist oft ein Wechsel der Prothese notwendig. Der Prothesenwechsel kann in einer Operation oder in zwei zeitlich getrennten Schritten erfolgen.
Was können Betroffene selbst tun?
Nach einer Gelenkersatzoperation sollten Veränderungen der Wunde und neu auftretende Schmerzen ernst genommen werden. Hilfreich ist es, den Prothesenpass und vorhandene Arztbriefe zum Arzttermin in unsere Spezialsprechstunde mitzubringen. Antibiotika sollten nicht auf eigene Faust eingenommen werden, weil dadurch die Erregernachweise erschwert werden können.
Sofort medizinische Hilfe: Bei Fieber, Schüttelfrost, Kreislaufproblemen, rasch zunehmenden Schmerzen oder deutlicher Verschlechterung des Allgemeinzustands ist eine umgehende ärztliche Vorstellung am UKGM Gießen - Unfallchirurgie, erforderlich.
Fazit
Eine Protheseninfektion ist eine komplexe Erkrankung und keine einfache oberflächliche Wundentzündung. Je früher sie erkannt und in einem erfahrenen interdisziplinären Team behandelt wird, desto besser lassen sich Infektion, Funktion und Lebensqualität in Einklang bringen (Sprechstunde für Gelenk- und Implantatinfektionen der Unfallchirurgie am Uniklinikum Gießen, UKGM: Dienstag 12.00 Uhr bis 14.00 Uhr) Terminvereinbarungen erfolgen über die Leitstelle der unfallchirurgischen Poliklinik.
Über den Autor

Abb. 1: Sezernierende Fistel im Bereich einer Operationsnarbe. Bild: [Unfallchirurgie/UKGM Gießen].
Abb. 2: PET/CT bei Hüftprothese mit erhöhter Stoffwechselaktivität im Bereich der rechten Hüfte. Bild: [Nuklearmedizin/UKGM Gießen].