Vorlesen kann therapeutische Wirkung haben

Mit Bilderbüchern Kinderseelen heilen

„Liest du mir was vor?“ Wer könnte schon diesem Satz widerstehen, wenn ein Kind vor einem steht, erwartungsfroh lächelnd, ein Buch in der Hand? Und doch ist es für viele Kinder keine Selbstverständlichkeit, sich aus der Wohlfühlsituation im Sessel oder auf dem Sofa heraus in spannende Bilderbuchwelten zu begeben. Vielen Eltern bleibt neben der beruflichen Belastung kaum Energie, sich intensiv mit ihren Kindern zu beschäftigen. Der Haushalt, schulische Dinge, Geschwisterkinder, elektronische Medien - all das lenkt vom Kind ab. Vorlesen jedoch braucht Zeit und die innere Ruhe des Vorlesers, wenn dem Kind genug Raum für eigene Überlegungen und Entdeckungen gegeben werden soll. Schließlich geht es beim Vorlesen weniger darum, einen Text laut zu lesen; viel wichtiger ist das gemeinsame genussvolle Eintauchen in eine erdachte und gemalte Welt, in der es unendlich viel zu entdecken gibt. Gute Bilderbücher regen darüber hinaus zum Nachdenken an, werfen bisweilen Fragen auf, die ein Kind in seinem Leben weiterbringen können: „Was passiert hier?“ und „Warum reagiert diese Figur in dem Buch so und nicht ganz anders?“ sind dabei noch recht einfache Grundfragen. Überlegt ein Kind darüber hinaus, wie es sich selbst in der geschilderten Situation verhalten würde, ist es schon einen wichtigen Schritt weiter. Gute Bilderbücher bewegen etwas im Kind - und auch im vorlesenden Erwachsenen. Sie enden deshalb auch nicht mit dem Moment, in dem das Buch zugeschlagen wird, sondern leben im Innern des Lesers weiter, bewegen ihn, berühren ihn und kämpfen sich irgendwann aus dem Unterbewusstsein wieder nach vorne, wenn der Moment gerade passt. Gute Bilderbücher haben deshalb durchaus therapeutisches Potential und werden zunehmend auch in der psychotherapeutischen Arbeit eingesetzt.

Vorlesen als sozialpräventives Projekt

Das Projekt „Vorlesen in Familien“ in Wetzlar ist in Deutschland ein in seiner Form einzigartiges Projekt, das sowohl von gesundheitspolitischer als auch sozialpädagogischer Seite her bereits große Aufmerksamkeit erfahren hat. Seit dreizehn Jahren vermitteln die verantwortlichen Projektleiterinnen der Phantastischen Bibliothek Wetzlar ehrenamtliche Vorleserinnen und Vorleser nach einer einjährigen Ausbildung an sog. bildungsbenachteiligte Familien, in denen Bücher nicht selbstverständlicher Teil des Alltagslebens sind. Diese Vorleser sagen vorab verbindlich zu, jeweils ein Kind wöchentlich für eine Stunde zu besuchen. Sie sind damit bisweilen die einzigen zuverlässigen und stabilen Bezugspunkte für Kinder, die aus unterschiedlichen Gründen wenig Aufmerksamkeit erfahren und auch kaum Kontakt zu Büchern haben. Ziel dieser sozialpräventiven Arbeit ist nicht, den Kindern lesen oder sprechen beizubringen - vielmehr sollen die Kinder erfahren, dass sie bedeutsam sind: Dass sie wichtig genug sind, dass jemand extra zu ihnen kommt, um mit ihnen Zeit zu verbringen und zu lesen. Und ganz nebenbei lernen sie aus der Vorlesesituation und aus den Büchern soziales Verhalten; sie erleben neue kommunikative Strukturen durch das Vorbild der Bilderbuchfiguren und erfahren in den Geschichten gewaltfreie Konfliktlösungen. All diese Faktoren tragen dazu bei, Kinder seelisch und emotional zu stärken.

In Wetzlar gibt es passend dazu seit drei Jahren den Bilderbuchpreis HUCKEPACK, der symbolisch für all das steht, was im Projekt „Vorlesen in Familien“ so wichtig ist: Wie in einer Huckepack-Situation werden Kinder von Bilderbüchern gleichsam getragen; die erhöhte Position auf dem Huckepack-Rücken vermittelt ihnen Weitsicht - wie es die Bilderbücher auch vermögen.

Nicht länger falsch beurteilt werden: „Ich war’s nicht!, sagt Robinhund“
Wenn Robinhund in der Kita ist, ist er nicht sehr glücklich. Immer passiert ihm etwas - und immer zeigen alle mit dem Finger auf ihn. Verschüttete Milch, eine kaputte Schaukel, ein Fußball, der ein anderes Kind in den Bauch getroffen hat - immer ist Robinhund schuld. „Ich war’s nicht!“, sagt Robinhund bei jedem neuen Missgeschick. Und „Ich war’s nicht!, sagt Robinhund“ ist auch der Titel dieses bewegenden Bilderbuchs, das in diesem Jahr den HUCKEPACK Bilderbuchpreis gewonnen hat. Glauben schenkt Robinhund niemand; die Freunde nicht, und auch nicht die Erzieherin, die Robinhund schließlich zu Sonja ins Büro bringt, wo er sich winzig klein und elend neben der respekteinflößenden Kita-Chefin fühlt. Und: Oberflächlich betrachtet war er’s natürlich doch! Er hat mit der Milch hantiert, er war auf der Schaukel zu wild, und den Ball hat natürlich er mit großem Spaß und wilder Freunde geschossen. Niemand aber hinterfragt, WARUM er immer wieder seine Unschuld beteuert. Ob er bestraft werden soll, bleibt offen - doch die Situation in Sonjas Büro ist aus Robinhunds Perspektive so verängstigend, dass er wegläuft und sich im Gebüsch verkriecht. Niemand soll ihn dort finden; Robinhund möchte allein bleiben. Bis in den frühen Abend hockt er da, sieht, wie alle anderen abgeholt und umarmt werden. Nur er ist ganz allein. Endlich kommt der große Bruder, der nicht nur sofort weiß, wo er suchen muss, sondern der Robinhund auch allein durch sein Dasein zum Reden bringt. In aller kindlichen Logik erklärt ihm der Kleine, dass er doch nichts von allen Missgeschicken mit Absicht getan habe - und diese Aussage ist so ehrlich, so frei, dass sie zu Tränen rührt.

Das Bilderbuch ist ein Schatz für die vielen Kinder, auf die - wie auf Robinhund - immer mit dem Finger gezeigt wird. Denn durch Robinhunds Beispiel erfahren sie, dass sie geliebt werden, auch wenn es ihnen manchmal gerade nicht so vorkommt. Auch für Pädagogen ist das Buch von großer Bedeutung, zeigt es ihnen doch, dass wir uns in der Alltagshektik zu schnell vom ersten Eindruck täuschen lassen und manche Situationen nicht hinterfragen. Ein wunderbares Bilderbuch - und ein gutes Beispiel, um zu zeigen, wie Bilderbücher seelisch zu stärken vermögen!

___________________________________________________________

Das Projekt „Vorlesen in Familien“ finanziert sich zum großen Teil aus Spenden und ist deshalb immer auf Unterstützung angewiesen. Nähere Informationen zur Ausbildung zum Vorleser und zum Projekt selbst finden sich auf der Homepage:

https://www.phantastik.eu/projekte/vorlesen-in-familien.html

IBAN: DE49 5139 0000 0012 9129 00

BIC: VBMHDE5F (Volksbank Mittelhessen)

Stichwort: ViF

Alice Lima de Faria: Ich war’s nicht! sagt Robinhund. Aus dem Norwegischen von Kerstin Schöps. Mixtvision, 2017. 40 Seiten. 14,90 €. Ab 4.

Über den Autor

Maren Bonacker
Maren Bonacker
Lese- und Literaturpädagogin
Phantastische Bibliothek Wetzlar

Bildergalerie

Aktuelle Ausgabe04.10.