Sexualerkrankungen – eine Epidemie?
Auch in Deutschland erkranken jedes Jahr Tausende daran.

In Deutschland hat die Zahl der sexuell übertragbaren Erkrankungen (sexual transmitted infections, STI) in den vergangenen Jahren tendenziell wieder zugenommen. STI werden von einer Reihe verschiedener Bakterien-, Viren- und Parasitenarten verursacht, die hauptsächlich durch vaginalen, analen sowie oralen Geschlechtsverkehr von Mensch zu Mensch übertragen werden. Die häufigsten Symptome von STI sind Ausfluss aus Harnröhre oder Scheide, schmerzhafte wie schmerzlose genitale, aber auch anale und orale tiefe Geschwüre (Ulzerationen), Schwellungen in der Leiste oder am Hodensack sowie Unterbauchschmerzen. In bis zu 90 % der Fälle verlaufen STI jedoch schmerz- und symptomlos und bleiben dann meist unentdeckt. Nicht diagnostizierte STI können zu mitunter schweren Folgeschäden führen. Dazu gehören Unfruchtbarkeit (u.a. durch Chlamydien), Krebs (z.B. durch Papillomaviren oder Hepatitis B) oder AIDS (durch eine unbehandelte HIV-Infektion). Zudem erhöhen erworbene STI das Ansteckungsrisiko für andere sexuell übertragbare Erkrankungen: So haben Betroffene ein 3- bis 10-fach erhöhtes Risiko, sich z.B. mit dem HIV zu infizieren. Ein Grund: HIV wird leichter übertragen, wenn im Bereich der Genitalschleimhäute entzündliche Veränderungen vorliegen. Umgekehrt leiden 13 - 16 % der HIV-Infizierten an weiteren STI.

Die häufigsten bakteriellen STI sind Chlamydiosen, gefolgt von Syphilis und Gonorrhoe („Tripper“). In Deutschland werden pro Jahr rund 100.000 Neuinfektionen mit Chlamydien registriert. Die Infektion bleibt oft unentdeckt, da sie häufig ohne spürbare Krankheitszeichen verläuft und dann v.a. bei Frauen bis hin zur Unfruchtbarkeit führen kann. Im Gegensatz zu anderen STI, von denen mehrheitlich Männer betroffen sind, werden 67 % der Chlamydiosefälle bei Frauen diagnostiziert. Es existiert eine hohe Dunkelziffer: 2015 wurden in Deutschland lediglich 11,3 % der Frauen unter 25 Jahren einem Chlamydientest unterzogen, meist im Rahmen einer Schwangerschaftsuntersuchung. Männer werden meistens nur getestet, wenn Symptome vorliegen.

Mit Syphilis infizieren sich in Deutschland jährlich mehr als 4.000 Menschen. Von 2009 bis 2015 stieg die Zahl der gemeldeten Fälle um 149 %. Männer sind 16-mal häufiger betroffen als Frauen. Dabei werden 85 % der Syphilisdiagnosen bei Männern gestellt, die homosexuellen Geschlechtsverkehr (MSM) haben. Die Syphilis wird durch das Bakterium Treponema pallidum ausgelöst. Die Übertragung erfolgt durch direkten Kontakt mit genitalen, analen oder oralen Schleimhäuten Infizierter sowie intrauterin, also von der Mutter auf den Fötus. Eine unbehandelte Syphilisinfektion kann bei Erwachsenen zu bleibenden Organschäden führen, bei Embryos zu schweren Erkrankungen bis hin zum Tod.

Mit Gonorrhoe stecken sich in Deutschland jedes Jahr etwa 16.000 Menschen an. In Sachsen, nur dort besteht derzeit innerhalb der Bundesrepublik eine Meldepflicht für diese Erkrankung, hat sich die Zahl der neuen Fälle 2014 verzehnfacht. Wahrscheinlich kann diese Entwicklung auf ganz Deutschland übertragen werden. Der Erreger, Neisseria gonorrhoeae (NG), bleibt häufig unerkannt, vor allem bei Infektionen des Rektums oder des Rachenraums bei Männern. Auch bei Frauen verläuft die Gonorrhoe häufig asymptomatisch, was das Risiko im Urogenitaltrakt aufsteigender Infektionen erhöht. NG entwickelte in den vergangenen Jahrzehnten Resistenzen gegen jedes üblicherweise eingesetzte Antibiotikum, so dass die Behandlung dieser Infektion künftig immer schwieriger werden könnte.

Die Zahl der HIV-Neuinfektionen in Deutschland im Jahr 2015 wird auf etwa 3.200 geschätzt. Hierzulande leben etwa 80.000 HIV-Infizierte. In knapp 90 % der Fälle ist die Infektion durch sexuelle Kontakte erworben worden, zwei Drittel davon durch MSM. Aber auch bei Heterosexuellen wurden mehr HIV-Neudiagnosen gestellt. Als Hauptursache für den Anstieg wird die zunehmende Migration von Menschen aus Afrika und Osteuropa angesehen. HIV-Positive haben bei zeitnaher Diagnosestellung und optimaler Therapie eine nahezu identische Lebenserwartung wie HIV-Negative. Bei später Diagnose ergeben sich hingegen große Probleme. Leider wird bei einem Drittel der HIV-Infizierten die Erkrankung erst nach fortgeschrittener Immunschwäche erkannt. Truvada® ist ein bei HIV-1-Infektionen schon lange bewährtes Medikament. Seit Oktober 2017 darf das Mittel bei gesunden Erwachsenen mit hohem Infektionsrisiko auch zur Prä-Expositionsprophylaxe (PrEP), sozusagen als Präventionsmaßnahme zum Schutz vor HIV-Infektionen, eingesetzt werden. Die Krankenkassen zahlen bislang aber nur den therapeutischen Einsatz, obwohl die Weltgesundheitsorganisation WHO in ihren Richtlinien empfiehlt, allen Gesunden mit einem sehr hohen Infektionsrisiko eine vorbeugende antiretrovirale Therapie anzubieten, da dies das Ansteckungsrisiko, statistisch gesehen, um 86 Prozent senke. Auch wenn die PrEP keinen 100%igen Schutz bietet, ist dadurch die Chance gegeben, Personen mit hohem Infektionsrisiko regelmäßig zu testen und ggf. frühzeitig zu behandeln. Allerdings erhöht sich ohne den Einsatz von Kondomen die Wahrscheinlichkeit, an anderen STI zu erkranken.

Zu den häufigsten Auslösern viraler STI gehören neben dem HIV humane Papillomaviren (HPV) sowie Herpes genitalis (HSV-2). In Deutschland infizieren sich jedes Jahr etwa 80.000 Menschen mit HPV und HSV-2. Dabei ist HSV-2 der häufigste sexuell übertragene Erreger, der zu Geschwüren im Genito-Analbereich führt, jedoch auch symptomlos verlaufen kann. HS-Viren können durch sexuelle Kontakte (auch durch Oralsex) sowie bei der Geburt übertragen werden und überdauern im Körper ein Leben lang.

Eine HPV-Infektion kann Feigwarzen, aber auch Krebserkrankungen am Zervix (Gebärmutterhals), am Penis und am Anus auslösen. Mehr als 99 % der Zervixkarzinome und mehr als 90 % der Analkarzinome sind HPV-positiv, genau wie bis zu 70 % der Karzinome des Penis und der Scheide. Seit 2007 empfiehlt die Ständige Impfkommission am Robert Koch-Institut, STIKO, eine HPV-Impfung, die derzeit aber nur von etwa 30 Prozent der jungen Frauen in Deutschland genutzt wird.

Trichomonas vaginalis (TV) ist die häufigste parasitäre, sexuell übertragbare Infektion. In 70 - 85 % der Fälle verläuft eine solche Infektion symptomfrei oder geht mit einer nur geringen Symptomatik einher. Bei Männern kann eine TV-Infektion aber durchaus zu Entzündungen der Harnröhre, des Nebenhoden und der Prostata führen, bei Frauen zu vaginalem Ausfluss. Bei Schwangeren kann es zu Komplikationen wie Frühgeburten oder zu einem zu geringen Geburtsgewicht des Kindes kommen. Ohne Gegenmaßnahmen können die Erreger Monate bis Jahre im Körper überdauern.

Die weite Verbreitung von STI und das Vermeiden von späteren Komplikationen erfordern eine rechtzeitige und gute Diagnostik. Patienten, die sich mit Verdacht auf eine sexuell übertragbare Erkrankung zur Diagnostik vorstellen, sollten auch Untersuchungen auf weitere STI erhalten sowie eine Partnerbehandlung empfohlen werden. Dabei sollte eine molekulargenetische Diagnostik genutzt werden. Diese Verfahren sind anderen Nachweismethoden häufig überlegen und weisen Spezifitäten und Sensitivitäten von mehr als 90 % auf.

Über den Autor

Dr. Barbara Poensgen
Dr. Barbara Poensgen
Labordiagnostik Mittelhessen
Aktuelle Ausgabe4/2018