Die Halswirbelsäule als Problemzone
– der osteopathische Ansatz

Viele Menschen kennen das: Verspannungen im Nacken, ein stechender, ziehender zum Teil sehr heftiger Schmerz in Verbindung mit einem Muskelhartspann der Halsmuskulatur und häufig parallel auftretenden schmerzhaften Bewegungseinschränkungen der Halswirbelsäule (im nachfolgenden HWS genannt).

Die Ursachen hierfür können sehr vielschichtig sein. Neben allgemeinen Ursachen, wie die statisch einseitige Belastung z.B. am Arbeitsplatz, in Zwangshaltungen an Maschinen oder im Büro, aber auch falsche Sitzpositionen vor allem auf dem Sofa, vor dem Fernseher, führen zu solchen Verspannungen.

Auch die psychische Situation des Patienten spielt häufig eine Rolle. Als Stress empfundene Situationen im privaten oder beruflichen Umfeld sorgen für eine Spannungszunahme in der Muskulatur im ganzen Körper, besonders im Schulter-Nacken-Bereich.

Neben diesen allgemeinen Ursachen gibt es auch spezielle, dem Bewegungsapparat oder auch Organsystemen des Patienten geschuldete Ursachen.

Zum Beispiel können Veränderungen am Bewegungsapparat wie Skoliosen, Bandscheibenvorfälle und Fußfehlstellungen, über alle Bereiche der Beine, des Beckens und den Rumpf, Fehlfunktionen an der HWS hervorrufen, die dann oben beschriebene Schmerzen und Symptome entstehen lassen.

Auch können nicht vollständig ausgeheilte Knochenbrüche, bei denen Bewegungseinschränkungen und Funktionsstörungen an Schultern und Armen zurückgeblieben sind, über den Weg der Muskelketten und Fascien störend auf die HWS wirken.

Als Osteopath beschäftigt man sich zusätzlich noch im Rahmen der visceralen Osteopathie mit den Einflüssen, die die verschiedenen Organe über ihre Aufhängungssysteme (Verbindungen zwischen Organen und Skelett) auf den Bewegungsapparat ausüben.

So sind beispielsweise Bewegungseinschränkungen der Lungenspitzen oder des Herzens und der Nieren als Ursachen möglich, da diese über fasciale Verbindungen zur HWS oder Schädelbasis verfügen.

Einen großen Einfluss auf die Funktionen der HWS hat auch das Zwerchfell. Zum einen bekommt es seine Information, also wann es was mit welcher Intensität (tief oder weniger tief ein- und ausatmen) zu tun hat, über Nervenbahnen, die in der HWS beginnen (3.-5. Halswirbel). Zum anderen leitet es Informationen über die eigene Spannung dorthin zurück. Diese werden dort umgeschaltet, unter anderem auf Nervenbahnen, die für die Spannung der Halsmuskeln zuständig sind.

Beispiel: Im Fall einer schwangeren Frau, bei der über die Zeit der Schwangerschaft der Druck im Bauch kontinuierlich steigt und das Zwerchfell immer mehr gegen diesen Druck anarbeiten muss, wird dies über die Nervenbahnen zurück zur HWS geleitet. Als Symptome entstehen dann u.a. Nackenschmerz und das Einschlafen der Arme in der Nacht.

Welche Symptome können aus Fehlfunktionen der Halswirbelsäule entstehen?

Nun habe ich die Möglichkeiten beschrieben, die zur Funktionsstörung der HWS führen können, weiter möchte ich jetzt die Betrachtungsweise ändern.

Neben dem Schmerz und den Bewegungseinschränkungen der HWS kann es je nach Höhe der Funktionsstörung zu weiteren Symptomen kommen, die dann häufig im Ausstrahlungsbereich des Nervs liegen.

Betrachten wir die HWS von unten nach oben, so können die Bereiche des 5.-7. Halswirbels für ausstrahlende Schmerzen in den Arm oder Taubheit einzelner Finger verantwortlich sein. Diese Symptome müssen noch differentialdiagnostisch vom Karpaltunnel-Syndrom abgegrenzt werden, da die „Störstelle“ hier im Bereich der Handwurzel liegt.

Treten zu den genannten Symptomen noch Lähmungserscheinungen auf, ist eine chirurgische Versorgung notwendig.

Während der 4. Halswirbel sich häufig verantwortlich für Schluckbeschwerden zeigt, steht der 3. Halswirbel ganz typisch für die schmerzhafte Verspannung der Halsmuskeln.

Vom 4. Halswirbel geht aber auch ein Nerv ab, der hinten über den Kopf nach vorne bis zum Auge zieht und darüber den häufig beschriebenen Kopfschmerz erzeugt, der vom Nacken bis in den Kopf aufsteigt.

Die beiden oberen Halswirbel, auch Atlas und Axis genannt, verursachen häufig Symptome, an denen die Ohren beteiligt sind. Diese Symptome sind Schwindel und Tinnitus. Bei Patienten, die einen Hörsturz erlitten haben, findet man ebenfalls Fehlfunktionen dieser beiden Wirbel.

Des Weiteren unterhalten sie funktionelle Zusammenhänge zum Unterkiefer und können so Kiefergelenksprobleme mit verursachen.

Auch Winkelfehlsichtigkeit, welche nach einem Schleudertrauma entstand, kann immer wieder auf eine Bewegungsstörung der Halswirbelsäule zurückgeführt werden.

Bei Säuglingen findet man ebenfalls, entstanden durch die Kräfte, die auf ein Kind unter der Geburt einwirken, funktionelle Störungen der HWS.

Diese beim Kind als KISS bezeichnete Funktionsstörung, einhergehend mit einem Symptomkomplex aus Überstreckung der HWS, Unruhezuständen, Stillproblemen, Koliken, später Konzentrationsstörungen in der Schule, ADS, ADHS, wird als Blockade des 1. Halswirbels definiert.

Da aber auch Spannungsphänomene anderer anatomischer Strukturen solche oder ähnliche Symptome verursachen, ist hier aus meiner Erfahrung heraus eine sehr genaue Abgrenzung nötig, um Eltern nicht zu verunsichern und sich therapeutisch nicht von einem zu häufig fehldiagnostizierten und modischen „KISS-Syndrom“ verleiten zu lassen.

Wie Sie sehen ist die Behandlung von HWS-Leiden sehr vielschichtig, da alle Einflüsse auf die Wirbelsäule, wie auch alle ausgeleiteten Symptome berücksichtigt werden müssen.

Hierfür stehen den Osteopathen spezielle Techniken zur Behandlung einzelner Organe, deren Systeme sowie den Fascien, Muskeln und Gelenken zur Verfügung. Je nach Fixation kann man mit Dehnungstechniken, Muskeltechniken oder auch manipulativen Techniken arbeiten, um den Körper in seiner Ganzheit und seinen funktionellen Ketten zu behandeln.

Gerne beantworte ich Ihnen Fragen zu diesem oder anderen Themen auch persönlich.

Über den Autor

Michael Tonigold
Michael Tonigold
staatl. anerk. Osteopath, Heilpraktiker
Aktuelle Ausgabe4/2018