Gifte ohne und mit „Zeitzünder“

Teil 2

2. Beispiele für Gifte mit fehlender Initialsymptomatik

Während im ersten Teil dieser Serie auf Gifte mit rasch einsetzender Wirkung eingegangen wurde, sollen in den folgenden Abschnitten Gifte behandelt werden, deren Erkennung und Nachweis besondere Anforderungen an einen Arzt und Toxikologen stellen da ihre Wirkung oft erst mit einer oft erheblichen zeitlichen Verzögerung eintritt.

Hierbei handelt es sich prinzipiell um „ideale Mordgifte“, da die Wirkung erst nach vielen Stunden oder Tagen einsetzt (Abb. 2). Ein Täter könnte nach der Verabreichung dieser Substanzen „mit Zeitzünder“ zum Zeitpunkt des Eintritts der Wirkung auf der Flucht, dank der modernen Verkehrsmittel, bereits jeden Punkt der Erde erreicht haben und von dort aus das weitere Geschehen „mehr oder weniger entspannt verfolgen“.

Stellt man beispielsweise anlässlich einer Vorlesung, eines Vortrags oder einer Prüfung die Frage „Können Sie mir ein Beispiel für ein solches Gift nennen?“ so trifft man häufig auf die Vorstellung, dass eine derartige Substanz extrem selten und für den Täter nur sehr schwierig zu beschaffen sei. Umso größer ist dann aber die Überraschung, wenn man den Hörern eröffnet, dass wohl jeder von ihnen, möglicherweise im Mutterleib oder als Kleinkind, mit einem der Hauptvertreter dieser Wirkstoffgruppe nämlich Paracetamol bereits in Kontakt kam.

Abb. 2 Schematische Darstellung des zeitlichen Verlaufs bei Giften mit fehlender Initialsymptomatik (AUC = area under curve).

2.1 Paracetamol

Bei Paracetamol handelt es sich um ein lediglich in manchen Zubereitungen verschreibungspflichtiges Analgetikum, das in einer Vielzahl von Mono- und Kombinationspräparaten enthalten ist (Beispiel Abb. 3). Die letale Dosis beträgt etwa 8 bis 10 Gramm für Erwachsene, bei Kleinkindern wurden aber tödliche Vergiftungen bereits nach der Verabreichung von nur 2 Gramm beschrieben. Der Tod tritt durch fulminantes Leberversagen meist aber erst nach wenigen Tagen ein. Als Gegenmittel (Antidot) dient N-Acetylcystein.

Abb. 3 Beispiel für ein Paracetamolpräparat (aus Wikipedia)

 

Auch hierzu ein Fallbeispiel:

Fallbeispiel 2: Paracetamolvergiftung bei einem Kleinkind

Die junge Mutter verabreicht ihrem offensichtlich wegen starker Schmerzen weinenden Kleinkind 1 Paracetamol-Zäpfchen zu 500 mg. Als die erwartete Wirkung nach 5 Minuten noch nicht eintritt (nach diesem kurzen Zeitintervall war damit natürlich auch noch gar nicht zu rechnen!) kommt es zu einer erneuten Gabe von 500 mg Paracetamol.

Das Kind weint ununterbrochen weiter und die inzwischen erschienene Großmutter des Kindes schlägt der Kindesmutter vor, dass sie selbst die weitere Betreuung des Enkelchens übernehmen wolle, damit die berufstätige Mutter noch Zeit für einige Stunden Schlaf finden würde.

Die Mutter ist damit einverstanden, informiert jedoch nicht über die bereits erfolgte Gabe von 2 Zäpfchen.

Die Tochter verlässt das Zimmer und die Großmutter sieht die Medikamentenpackung sowie das immer noch weinende Kind und denkt „meine Tochter hätte dem Kind doch mal ein Zäpfchen geben können“.

So kommt es zur Verabreichung von 2 weiteren Zäpfchen innerhalb der nächsten halben Stunde.

Als die Wirkung nach fast einer Stunde in Form von Übelkeit, Erbrechen und starkem Schwitzen heftig einsetzt, wird der Notarzt informiert, der eine Sofortaufnahme ins Krankenhaus veranlasst.

Das Kind kann durch die unverzüglich eingeleitete Antidot-Therapie mit N-Acetylcystein gerettet werden.

Beim Verdacht auf eine Paracetamolvergiftung sind somit der rasche Nachweis und vor allem die exakte Bestimmung des Blutspiegels von überlebensentscheidender Bedeutung. Wie aus Abb. 4 deutlich hervorgeht, kann man die Hepatotoxizität in Abhängigkeit von der Zeitspanne zwischen der Aufnahme und der Blutentnahme sowie der Konzentration des Paracetamol im Blut anhand eines Diagramms abschätzen, das auf der Basis zahlreicher Vergiftungsfälle evaluiert wurde.

 

Über den Autor

Prof. Dr. rer. nat. Harald Schütz
Prof. Dr. rer. nat. Harald Schütz
Forensischer Toxikologe
Institut für Rechtsmedizin der Universität Gießen

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