Physiotherapie für Parkinson-Patienten (Teil II)

Neben dem täglichen Pflichtprogramm in Eigenregie, wie in Teil I beschrieben, sollte sich die "Kür" an den individuellen Funktionseinschränkungen des einzelnen Patienten, z.B. Freezing, Haltungsstörung, Gleichgewichtsstörung usw. und natürlich insbesondere an den eigenen Vorlieben orientieren.

Wenn Schwankungen der Beweglichkeit im Tagesverlauf bestehen (Wirkungsfluktuationen genannt), sollten Übungen immer in die Phase der guten Beweglichkeit ("ON" Phase) gelegt werden. In einer „OFF“ Phase sollte der Körper nicht belastet werden.

Wie versprochen, soll nun ein Überblick über Verfahren der PT gegeben werden, welche sich in Studien mit Parkinson-Patienten als signifikant wirksam erwiesen haben, mit Angabe der in die Beurteilung der Wirksamkeit eingeflossenen Kriterien.

„BIG“ Therapie

An erster Stelle steht natürlich die BIG-Methode, wobei BIG aus dem Englischen kommt und ganz einfach mit "GROSS" zu übersetzen ist. Es handelt sich um eine speziell für Parkinson-Patienten entwickelte Bewegungstherapie zur Verbesserung von Bewegungsausmaß und -geschwindigkeit für Patienten mit parkinsontypischer Verlangsamung und Verkleinerung (Bradykinese) der Bewegungen. Durch intensives Wiederholen und ständige Kontrolle durch den Therapeuten soll BIG bewirken, dass der Patient wieder auf seine „eingefrorenen“ Bewegungsmöglichkeiten zugreift und diese im Alltag wieder bewusst einsetzen kann. Die Verbesserung von Geschwindigkeit und Bewegungsausmaß durch diese Therapie wurde in Studien nachgewiesen. „BIG“ ist ein besetzter Begriff und BIG-Training darf nur von ausgebildeten BIG-Trainern angeboten werden. Neben den weit ausladenden Bewegungsübungen ist das Besondere dieser Therapie die hohe Behandlungsfrequenz.

Problematisch ist die Umsetzung dieser Therapie im normalen Alltag, da die Kosten von den gesetzlichen Krankenkassen nicht immer übernommen werden. Man sollte also vorher bei der Krankenkasse nachfragen. Auch wird diese Therapie nicht in jeder Praxis für Physiotherapie angeboten, da die zertifizierte Ausbildung zum BIG-Trainer sehr kostspielig ist. Viele Physiotherapeuten verwenden jedoch bereits einzelne Elemente der BIG Therapie und binden diese in ihre Bewegungstherapie ein.

Fazit: Für Patienten mit M. Parkinson in den Stadien I bis III (IV mit Vorbehalt) nach Hoehn&Yahr eine sehr gut geeignete Therapie, welche jedoch nicht flächendeckend zur Verfügung steht, Kostenübernahme durch die Krankenkasse muss vor Antritt der Therapie geklärt werden.

Vibrations-Training (Propriozeptives Training)

Seit 2002 erlebt die Vibrationstherapie ein deutschlandweites Comeback in der Parkinson-Therapie. Bereits der berühmte französische Nervenarzt Professor Jean-Martin Charcot (1825-1893), welcher 1884 der damals noch als "Paralysis agitans" bekannten Erkrankung den Namen "Maladie de Parkinson" verlieh, hat beobachtet, dass es seinen Parkinson-Patienten besser ging, wenn sie mit der Kutsche in seine Praxis gekommen waren. Er entwickelt den ersten Vibrationstrainer für Parkinson-Patienten, seinen „fauteuil trépidant“ (Schüttelstuhl). Sein Schüler Tourette entwickelte einen "Schüttelhelm" in der Absicht, die Schwingungen direkt in Nähe des zentralen Nervensystems zu applizieren.

Die heutige moderne Vibrationstherapie ist jedoch aus der Sportmedizin hervorgegangen. Man unterscheidet zwischen der Teilkörper- und der Ganzkörpervibration, auch Whole-Body-Vibration (WBV) genannt. Je nach Art der Schwingungen differenziert man vertikal schwingende oder seitenalternierend/wippende Platten von stochastischen Systemen, welche mit zwei unabhängigen Vibrationsplatten arbeiten und zufällige = stochastische Vibrationsreize erzeugen. An Geräten stehen das Power-Plate (www.powerplate.de) oder das Nemes Bosco-System (vertikale Reize), der Galileo (seitenalternierend, www.galileo-training.com) und der SRT-Zeptor® (www.sr-therapiesysteme.eu) zur Verfügung. SRT steht dabei für "stochastische Resonanztherapie". Studien zufolge ist das Power Plate aufgrund seiner hohen Belastung für Beine, Wirbelsäule und Kopf eher für trainierte Sportler geeignet, die Galileo- und Zeptor-Therapie aufgrund der geringeren Belastung insbesondere für Wirbelsäule und Kopf auch für Parkinson-Patienten. Verbesserungen sind in folgenden Bereichen zu erwarten: Gleichgewicht, Bewegungstempo, Gehfähigkeit, Knochendichte.

Fazit: Für Patienten mit M. Parkinson in den Stadien I bis III (IV mit Vorbehalt) nach Hoehn&Yahr eine sehr gut geeignete Therapie, welche jedoch nicht flächendeckend zur Verfügung steht, Kostenübernahme durch die Krankenkasse muss vor Antritt der Therapie geklärt werden. Kontraindikationen sind zu beachten (Beispiel: Wirbelgleiten).

An dieser Stelle sei darauf hingewiesen, dass viele Parkinson-Patienten noch keine Knochendichtemessung haben, weil es sich um eine Selbstzahlerleistung handelt!

Parkinson ist ein Risiko für Osteoporose! In Wetzlar gibt es mehrere Anlaufstellen für eine solche Messung, bitte lassen Sie Ihre Knochendichte messen!

Schwingstab (FLEXI-BAR®, Swing Stick, Schwungstab)

Das einfachste Trainingsgerät zum Erzeugen von Vibrationen und zum propriozeptiven Training ist der Schwingstab, auch Flexi-Bar genannt. Er ist klein und handlich, nimmt kaum Platz weg und kann für das tägliche Training zuhause empfohlen werden. Allerdings sollte man sich vor dem Kauf von seinem Physiotherapeuten beraten lassen, nicht jeder Stab, der im Handel angeboten wird, ist sicher und gut. Auch lohnt es sich, das Training mit dem Flexibar zunächst unter Anleitung eines Physiotherapeuten zu erlernen und evtl. Gegenanzeigen (z.B. Zustand nach frischer Wirbelkörper-Fraktur) auszuschließen.

Der Schwingstab wird durch schnelles und kurzes Rütteln in der Mitte in Schwingung versetzt. Rückenstrecker, Nackenmuskeln, Schulter- und Rumpfbereich werden aktiviert. Auch Koordination, Konzentration und Gleichgewicht werden verbessert. Wenn man beim Stabtraining auch die Beinmuskulatur beüben möchte, sollte man beim Training langsam in die Knie gehen, den Stab weiter vor der Brust halten, Squats genannt.

Fazit: Der Schwingstab dient dem propriozeptiven Training. Durch die erzeugten Vibrationen werden vor allem tiefe Muskeln trainiert. Es kommt zu einer Verbesserung von Gleichgewicht, Koordination und Kraft. Er ist universell einsatzbar (auch zuhause). Geeignet für Parkinson-Patienten in den Stadien I – III nach Hoehn und Yahr (IV unter Vorbehalt). Kontraindikationen sind zu berachten (Beispiel: Gelenkentzündungen).

Über den Autor

Dr. Ilona Csoti
Dr. Ilona Csoti
Ärztliche Direktorin
Gertrudisklinik Biskirchen

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