Der eigenen Kraft vertrauen!
Wie Bilderbücher Resilienz fördern

Wer Kinder oder Enkelkinder hat, weiß, wie sehr man diese Kleinen am liebsten vor allem Übel bewahren möchte. Doch immer wieder werden auch schon kleine Kinder mit schwierigen, bisweilen gar traumatisierenden Lebensbedingungen konfrontiert, an denen manche zerbrechen. Anderen hingegen scheinen dieselben Bedingungen weniger auszumachen. Mit erstaunlicher innerer Stärke finden sie einen Weg, trotzen den widrigen Umständen und wachsen zu starken Jugendlichen und jungen Erwachsenen heran. Den Grund für diesen Unterschied sieht die Wissenschaft in der seelischen Widerstandskraft, der Resilienz eines jeden Menschen und konstatiert, dass Kinder, die schon früh Vertrauen in die eigene Kraft gewinnen und sich selbst als wertvoll erfahren, mutiger und optimistischer in die Zukunft blicken können als andere.

Hier stehen natürlich positive und bestärkende Erlebnisse mit älteren Kindern und Erwachsenen an erster Stelle, aber auch Bilderbücher können zur Unterstützung herangezogen werden. Gelingt es den Autoren und Illustratoren, komplexe Zusammenhänge in Bildern und erzählender Sprache zu versinnbildlichen, können diese besonderen Bücher Lebenshilfe leisten. Sie motivieren etwa die Kinder zu eigenständigen Problemlösungen oder zeigen ihnen im Rahmen einer phantasievollen Geschichte, dass auch die Kleinen in der Gesellschaft dazu in der Lage sind, Großes zu leisten.
Das Wetzlarer Projekt „Vorlesen in Familien“ bringt ehrenamtliche Vorleser mit Familien zusammen, deren Kinder genau diese Geschichten brauchen, um ein wenig froher, leichter und mutiger durchs Leben zu gehen.

Viel Aufmerksamkeit hat in diesem Zusammenhang das kleinformatige Bilderbuch mit dem sprechenden Titel „Klein“ (Klett Kinderbuchverlag) auf sich gezogen, das allein durch seine äußere Erscheinung keines ist, das uns in einer kunterbunten und gut sortierten Buchhandlung sofort ins Auge springt. Das kleine, etwas kritzelig gemalte Wuseltier, das nur den Bruchteil der ansonsten weiß belassenen Titelseite ausmacht, ist das titelgebende „Klein“. Es wohnt zusammen mit „Groß“ und „Stark“, die sich leider nicht gut vertragen. Immer wieder gibt es Streit, immer wieder wird es laut, immer wieder knallen die Türen und einer geht. Nach Klein fragen Groß und Stark nicht, dazu sind sie zu sehr mit sich selbst beschäftigt. Zurück bleibt Klein - allein, verzagt und ohne Trost. Die besondere Stärke dieses Bilderbuchs liegt darin, dass Klein in dieser Situation nicht allein bleibt - und dass es selbst dafür sorgt, Hilfe zu bekommen. Es geht nach nebenan, zu „Jemand“ und bekommt dort vorgelesen. Es erzählt in der Kita von zu Hause. Es weiß, dass es der Erzieherin alles sagen kann, und dass diese ihm helfen wird. Das Bilderbuch „Klein“ der schwedischen Illustratorin Stina Wirsén zeichnet kein falsches Happy End, in dem plötzlich alles gut wird, aber es zeigt einen positiven Weg auf: „Jemand“ kann eine regelmäßige Anlaufstelle werden und dem kleinen Wuselwesen Zuwendung schenken, wenn es die Eltern gerade nicht vermögen. Undramatisch, ohne Belehrung oder Schuldzuweisung. Einfach da sein. Und das Buch endet nicht da, sondern hat noch ein kleines Nachwort - dass es nämlich viele solcher Kleinen gibt, die Probleme mit ihren Großen haben. Sie alle sollen wissen, dass es völlig in Ordnung ist, darüber zu reden und sich Hilfe zu holen. So bestärkt das Bilderbuch durch die Geschichte, aber auch durch diesen klaren Nachsatz. Und es tut eigentlich noch mehr: Es führt uns Erwachsenen unsere Verantwortung vor Augen, mit wachem Blick durch die Welt zu gehen und dort Hilfe anzubieten, wo sie gebraucht wird.

Aber resilienzfördernde Bilderbücher müssen nicht zwangsläufig schwere Themen behandeln. Ein wunderbares Gegenbeispiel ist die phantasievolle und geradezu absurd witzige Geschichte von John Fardell, „Der Tag, an dem Louis gefressen wurde“ (Moritz Verlag). Der kleine Louis ist allein mit seiner Schwester Sarah im Wald unterwegs, als er von einem gewaltigen Schluckster verschlungen wird. Das passiert so plötzlich, dass man beim Lesen den Atem anhält. Aber Angst hat man in dem Moment keine, weil nämlich auch Sarah überhaupt nicht ängstlich wirkt. In aller Seelenruhe steckt sie etwas vom Wegrand in die Tasche (das später noch von Bedeutung sein wird) und schwingt sich auf ihr Kinderfahrrad, dem Schluckster hinterher. Dass dieser wenig später von einem Grabscherix gefressen wird, den wiederum ein Wasserschnapper verschluckt, der seinerseits im Rachen eines Säbelzahnschlingers landet, macht schon vierjährigen Kindern einen Heidenspaß, allein, weil die Monster so witzig sind und so wundervolle Namen haben. Sarah folgt den Biestern unbeirrt und baut im Lauf der Geschichte zigmal ihr Fahrrad um, damit sie übers Wasser, über die Berge in die Tiefen des Meeres und überall dorthin kann, wohin die Monster sie führen. Endlich hat sie ihr Ziel erreich und klettert furchtlos ins Innere der Monster, wo ihr Bruder im Schein einer Taschenlampe im Magen des Schlucksters sitzt und liest, völlig darauf vertrauend, dass Sarah ihn retten wird. Sarah ist sich in jedem Moment der Geschichte ihrer Stärke bewusst und damit ein gutes Beispiel für ein resilientes Kind - doch was ist mit Louis? Der Schluss verrät: Er bleibt nicht passiv in der Rolle des Kleinen, den man hier retten muss! Er dreht den Spieß um: Einmal aus den Mägen befreit, stellt er sich den Monstern laut brüllend in den Weg und schützt auf diese Weise seine Schwester vor dem Gefressen werden. Beide Kinder bleiben durch die ganze dramatische Geschichte hindurch vollkommen gelassen und stressfrei, weil sie WISSEN, dass sie es schaffen werden, sich selbst zu retten. Ihre Sicherheit und ihr Selbstvertrauen werden sie bestenfalls auf diejenigen Kinder übertragen, die sich von dem Buch begeistern lassen. Selbst wenn das hier geschilderte Problem weit jenseits realistischer Situationen liegt, ist es letztendlich die vermittelte Botschaft, dass man sich beherzt mit einer schwierigen Situation auseinandersetzen und sie so lösen kann, die dazu beiträgt, Kinder zu stärken.

Das Projekt „Vorlesen in Familien“ finanziert sich zum großen Teil aus Spenden und ist deshalb immer auf Unterstützung angewiesen. Nähere Informationen zur Ausbildung zum Vorleser und zum Projekt selbst finden sich auf der Homepage:

https://www.phantastik.eu/projekte/vorlesen-in-familien.html

IBAN: DE49 5139 0000 0012 9129 00

BIC: VBMHDE5F (Volksbank Mittelhessen) Stichwort: ViF

Stina Wirsén: Klein. Aus dem Schwedischen von Susanne Dahmann. Leipzig: Klett Kinderbuch, 2016. 40 Seiten. 9,95 €. Ab 3.

John Fardell: Der Tag, an dem Louis gefressen wurde. Aus dem Englischen von Bettina Münch. Frankfurt am Main: Moritz Verlag, 2013. 32 Seiten. 14,00 €. Ab 4.

 

Über den Autor

Maren Bonacker
Maren Bonacker
Lese- und Literaturpädagogin
Phantastische Bibliothek Wetzlar

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