Adipositas –
weltweite Volkskrankheit Nummer 1

Seit einigen Jahren nimmt die Erkrankung Adipositas weltweit so rasant zu, dass inzwischen von einer Epidemie gesprochen wird. So hat sich die Zahl der adipösen Menschen seit 1980 in mehr als 70 Ländern mindestens verdoppelt. Verantwortlich sind die generell veränderten Lebensumstände und Ernährungsgewohnheiten der Menschen.
Wo früher Nahrung mühsam durch Jagd und später eigenen Anbau von Getreide, Gemüse und Obst erzeugt werden musste, bietet in unserer Zeit eine riesige Nahrungsmittelindustrie alle Nahrungsmittel an, die das Herz begehrt. Damit haben wir die Kontrolle darüber verloren, was wir essen. Selbst wenn wir uns anders ernähren wollten, ginge dies bei der großen Zahl der Menschen, die heute zum größten Teil in Städten leben, und den begrenzten Anbaumöglichkeiten nicht mehr.

Wie relevant ist eigentlich diese Erkrankung?
Die Zahlen, die die WHO bezüglich der Adipositasepidemie veröffentlicht hat, sind erschreckend. Etwa 4 Millionen Todesfälle entfallen auf diese Erkrankung mit den Folgeerkrankungen, beispielsweise Diabetes mellitus Typ 2 und Hypertonie (Bluthochdruck). Damit ist die Zahl der Menschen, die weltweit an den Folgen von Übergewicht sterben, höher als die Zahl der Toten durch Unterernährung. Die Lebenserwartung der Menschen in den USA sinkt seit einigen Jahren wieder und dafür wird in erster Linie die Adipositas mit ihren Folgeerkrankungen verantwortlich gemacht.

Adipositas ein Lifestyle-Problem?
Obgleich jeder die Zahlen sehen kann, obgleich das Problem seit Jahren erkannt und bekannt ist, wird die Erkrankung immer noch gerne als ein Lifestyle-Problem verharmlost und als „persönliches Versagen“ des Einzelnen abgetan.
Im sozialen Bereich entstehen Isolation, Frustration und Depression. Manchmal droht aufgrund der Adipositas der Verlust des Arbeitsplatzes und sogar Erwerbsunfähigkeit.
Im medizinischen Bereich werden Patienten häufig mit dem lapidaren Satz „Sie müssen unbedingt erst mal abnehmen...“ abgespeist und letztlich mit ihren Problemen alleine gelassen. Dabei ist die Wahrscheinlichkeit, dass ein Mensch, der im Alter von 10 Jahren deutlich übergewichtig ist, mit 20 Jahren ein Normalgewicht hat, nur im einstelligen Prozentbereich.
Unser Gesundheitswesen ist in der modernen Therapie der Adipositas nicht gut aufgestellt. Verglichen mit anderen Ländern in Europa ist Deutschland mit Abstand Schlusslicht bei der Zahl der bariatrischen (adipositaschirurgischen) Operationen.

Wann besteht eine Adipositas?
Eine sehr gängige Methode ist die Bestimmung des BMI. Die Berechnung wird in der Tabelle 1 gezeigt. Das Körpergewicht wird durch die Körpergröße im Quadrat geteilt:

Normalgewicht: 18 – 25 kg/m2
Übergewicht: 25 – 30 kg/m2
Adipositas
Grad 1: 30 – 35 kg/m2
Grad 2: 35 – 40 kg/m2
Grad 3: (morbide Adipositas) > 40 kg/m2

Wie kann geholfen werden?
Durch körperliches Training muss Muskelmasse aufgebaut und regelmäßig benutzt werden, damit der Körper viele Kalorien verbrauchen kann. Durch Veränderung der Essgewohnheiten muss die Aufnahme der Kalorienmenge deutlich reduziert werden. Das Problem ist, dass dazu eine dauerhafte Veränderung des eigenen Verhaltens zum einen wirklich gewollt und dann nachhaltig geübt und durchgehalten werden muss. Daran scheitern die meisten Versuche einer dauerhaften Gewichtsabnahme.
Die Kombination aus strukturierter Ernährungstherapie, Sportprogramm und verhaltenstherapeutischer Beratung wird als Multimodales Therapiekonzept bezeichnet.

Wenn die konservativen Versuche scheitern oder eine sehr ausgeprägte Adiposits mit Nebenerkrankungen besteht, kann eine Operation helfen, das Übergewicht drastisch zu senken. In der Regel verbessern sich nach der Operation auch die Nebenerkrankungen deutlich.
Operationen werden im Allgemeinen erst bei BMI-Werten ab 45 kg/m2 durchgeführt.
Sie benötigen eine Antragstellung bei der Krankenkasse und eine entsprechende Kostenzusage.
Ab einem BMI von 50 kg/m2 ist die Kostenzusage von der Krankenkasse augenblicklich kein Problem.

Welche Operationen kommen in Frage?
Im Wesentlichen kommen heute zwei gängige Operationsverfahren in Frage, die weltweit über 90 Prozent aller durchgeführten bariatrischen Operationen ausmachen. Die restlichen 10 Prozent entfallen auf komplizierte Spezialverfahren.
Die beiden unten beschriebenen Verfahren sind bezüglich der Gewichtsabnahme vergleichbar.

Die Magenschlauchbildung (Sleeveresektion):
Sie ist ein rein verkleinerndes Verfahren, wobei der größte Teil des Magens inklusive des Anteils, welches das Hungerenzym produziert, durch eine Schlüssellochoperation entfernt wird. Hierbei wird der normale Weg der Nahrung durch den Restmagen hindurch in den Darmtrakt erhalten. Magenspiegelungen sind danach noch gut möglich.
Der Magenbypass:
Beim Magenbypass wird der Magen ebenfalls verkleinert. Zusätzlich wird ein Teil des Dünndarms umgeleitet und auf diese Weise aus der Magenpassage herausgenommen. Die Resorptionsfläche für Nährstoffe wird dadurch zusätzlich kleiner. Die Magenfunktion als Reservoir geht dabei ein Stück weit verloren. Der nicht mehr benutzbare Magen verbleibt im Gegensatz zur Sleeveresektion. Den Bypass gibt es, wie in der Abbildung zu sehen, in zwei verschiedenen Versionen.

Adipositaszentrum der Lahn-Dill-Kliniken
Vor einigen Jahren haben wir am Klinikum in Wetzlar ein Adipositaszentrum aufgebaut, um die Patienten mit Übergewicht adäquat versorgen zu können. Wir bieten zusammen mit unseren externen Kooperationspartnern die oben beschriebenen konservativen multimodalen Therapieoptionen an.

Eine Selbsthilfegruppe hat sich gebildet, die sich einmal im Monat donnerstags im Rehazentrum kerngesund! im Medi-Center am Klinikum Wetzlar trifft.
Wenn die konservativen Therapiemöglichkeiten nicht ausreichen, um Übergewicht dauerhaft zu senken, bieten wir ebenfalls die gängigen Operationen an.
Wir begleiten die Patienten bei dem schwierigen Weg der Antragstellung bei den Krankenkassen und führen die komplette Vorbereitung vor einer Operation mit ihnen durch.
Nach der Operation kommen die Patienten in eine systematische Nachsorge, die wir ebenfalls am Klinikum anbieten.

 

Über den Autor

Dr. med. Thomas Friedrich-Hoster
Dr. med. Thomas Friedrich-Hoster
Leitender Oberarzt Allgemeine, Viszerale und Onkologische Chirurgie Klinikum Wetzlar
Ärztlicher Leiter des Adipositaszentrum

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Aktuelle Ausgabe04.10.