Zertifiziertes AltersTraumaZentrum für ganzheitliche Behandlung

Über 700.000 alte Menschen erleiden jedes Jahr in Deutschland einen Bruch des Oberschenkels, der Wirbel oder der Unterarme - mit steigender Tendenz. Knochenbrüche im Alter zählen mittlerweile zu den häufigsten Ursachen für eine Krankenhauseinweisung und spätere Pflegebedürftigkeit.

Die Ursachen liegen zum einen in der ständig steigenden Lebenserwartung zum anderen sind ältere Menschen heute weitaus mobiler als früher. Dies bedeutet, dass sie bis ins hohe Alter auch sportlich unterwegs sind, zum Beispiel beim Skilaufen, Fahrradfahren oder Wandern. Wie im häuslichen Umfeld auch, kommt es dabei zu Unfällen, die auch aufgrund der altersbedingten Abnahme der Knochendichte (Osteoporose) schnell zu Knochenbrüchen führen.

Unfallchirurgen und Orthopäden gehen davon aus, dass sich die Zahl der Knochenbrüche bei hochbetagten Patienten in den kommenden Jahren verdoppeln oder verdreifachen könnte. Hinzu kommt, dass diese Patienten meist an altersbedingten Begleiterkrankungen leiden, so dass eine reine unfallchirurgische Versorgung der Brüche nicht ausreichend ist, sondern eine ganzheitliche Behandlung immer wichtiger wird. Eine Behandlung, die der komplexen Gesamtsituation der Patienten gerecht wird, fordert auch die Deutsche Gesellschaft für Unfallchirurgie (DGU). Sie hat dazu Richtlinien für die optimale und altersgerechte Versorgung erarbeitet. Kliniken, die diese Richtlinien erfüllen, können sich, nach eingehender Prüfung durch unabhängige, zertifizierte Gutachter, als AltersTraumaZentrum DGU auszeichnen (zertifizieren) lassen.

Seit Oktober 2017 ist die Klinik und Poliklinik für Unfall-, Hand- und Wiederherstellungschirurgie – Operative Notaufnahme (Direktor: Prof. Dr. Dr. Christian Heiß) des Universitätsklinikums Gießen ein solches zertifiziertes AltersTraumaZentrum. Um die Behandlung der alten und ältesten Patienten mit Knochenbruchverletzungen zu optimieren, wurde ein interdisziplinäres Netzwerk mit Unfallchirurgen, Geriatern (Altersmedizinern), entsprechend geschulten Pflege- und Überleitungskräften und Physiotherapeuten aufgebaut und der Behandlungsweg für den älteren Patienten genau definiert, um so das gesamte Spektrum der ganzheitlichen Versorgung anbieten zu können. Möglich geworden ist dies auch gerade durch die enge Kooperation mit den geriatrischen Facharztkollegen des Sankt Josefs Krankenhauses Balserische Stiftung in Gießen (Dr. Stefan Steidl, Chefarzt der Geriatrie).

Wie funktioniert die ganzheitliche Behandlung?

Wenn ein älterer Patient (ab dem 65. Lebensjahr) mit einem Knochenbruch in die Unfallchirurgie am UKGM Gießen kommt, wird er durch ein interdisziplinäres Team aus Unfallchirurgen und Geriatern untersucht. Hierbei wird dann ein geriatrisches Basis-Screening durchgeführt und es werden eben nicht nur die akute Verletzung, sondern auch alle Vor- und Begleiterkrankungen des Patienten dokumentiert.

Außerdem wird geschaut, in welcher Versorgungsstruktur der Betroffene bislang gelebt hat. War er noch komplett selbstständig oder bereits pflegebedürftig und in welchem Maße? Das Ziel ist es, den Patienten bestmöglich zu unterstützen, damit er wieder in die vorherige Versorgungsstruktur zurückkehren kann und sich seine Lebensqualität durch den Unfall nicht verschlechtert. Die Geriater des Sankt Josef Krankenhauses stellen gemeinsam mit den Unfallchirurgen und Physiotherapeuten am UKGM einen individuellen Behandlungsplan für den jeweiligen Patienten auf. Wichtig ist dabei, den Patienten so früh wie irgend möglich zu mobilisieren. Lange Liegezeiten wirken sich meist auch negativ auf die Begleiterkankungen aus und die Chancen, ohne Einbußen wieder das alte Leben aufnehmen zu können, sinken. Wenn die Behandlung der akuten Verletzung (Knochenbruch) abgeschlossen ist, beraten Unfallchirurgen und Altersmediziner gemeinsam, ob für den Patienten eine anschließende Reha-Maßnahme in der Geriatrie sinnvoll und hilfreich ist.

Laut DGU haben internationale Studien gezeigt, dass die Behandlung der von Altersbrüchen betroffenen Patienten in einem interdisziplinären Team gemeinsam mit Altersmedizinern im Vergleich zur Standardbehandlung zu wesentlich besseren Ergebnissen führt.

Über den Autor

Prof. Dr. Dr. Christian Heiß
Prof. Dr. Dr. Christian Heiß
Direktor UKGM Gießen Klinik und Poliklinik für Unfall-, Hand- und Wiederherstellungschirurgie

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Aktuelle Ausgabe4/2018