Chirurgischer Ratgeber:

„Mein Bruch ist trotz Operation wieder da“

Die Rezidiv-Leistenhernie bleibt ein aktuelles Problem der Bruch-Chirurgie

Vorangestellt sei bei aller Kritik und Unzufriedenheit, das „Wiederkommen“ eines operierten Leistenbruches ist weder eine Komplikation noch ein Kunstfehler und vor allem kein „Ärztepfusch“.

Hat denn eine erneute Operation überhaupt einen Sinn?

Auch ohne Kenntnis der genauen Umstände im Einzelfall ist eine erneute Operation immer empfehlenswert. Ein Bruch der Leiste vergrößert sich zwangsläufig bei jedem Schritt und Tritt, Aufstehen vom Sitzen, Heben, Lagewechsel, Tragen und vor allem bei der „Bauchpresse“, die beim Stuhlgang erfolgt und eine Druck-Kraft von 50 kg locker wirken lässt.

Es wird sogar gefährlich, wenn die „Beule“ nicht mehr vollständig zurückdrückbar ist, weil der Bauchinhalt, der Darm also, im Bruchsack eingeklemmt wird. Unter heftigen Schmerzen mit den Zeichen eines Darmverschlusses kommt es zur notfallmäßigen Operation mit dann erheblich höherem Risiko, weil eine Durchblutungsstörung des Darmes eintritt und so schwerstwiegende Komplikationen das Leben bedrohen. Wie in der schematischen Zeichnung erkennbar, stelle man sich die Abschnürung (roter Kreis) wie beim Erhängen mit einem Strick vor (Bild).

Das „Bruchband“ ist eine gutgemeinte Täuschung

Leider ist es zutiefst menschlich, aus Angst vor einer erneuten Operation nach Alternativen zu suchen und leider erfolgt immer noch der vielfältige Rat „ein Bruchband zu tragen“.

Im Internet wird man schnell fündig und das „Bruchband“ kommt, online bestellt, innerhalb von 2 Tagen per Post: „Leistenbruchgürtel, weiche Polster, leicht einstellbare Beingurte, Kompression des Bruchbandes, Größe M, gebraucht für rund 15 Euro“, die Stiftung Warentest schreibt dazu: „Das Bruchband: Überholt und gefährlich“ (www.test.de/Leistenbruch-Die-Angst-der-Maenner). Immerhin 80 Tausend Bruchbänder werden jährlich verkauft.

Das Bruchband verhindert nicht die Vergrößerung des Bruches und kann auch nicht das Hervortreten des Bruchinhaltes bewirken, leider verschlimmert das Bruchband die Situation und verschleiert sogar die Einklemmung.

Wo erhalte ich fachlichen Rat?

Anlaufpunkt sollte immer Ihr Hausarzt sein, der Sie zum Facharzt für Visceralchirurgie überweist, weibliche Patienten bevorzugen den Frauenarzt. Manchmal, besonders bei gleichzeitig mit bestehenden schweren Erkrankungen, werden internistische oder neurologische Abklärungen vorher erforderlich.

Wichtig für das erste Gespräch beim Chirurgen ist der genaue Kenntnisstand über die Art der Voroperation, weil die Strategie für den Re-Eingriff davon abhängt.

Welcher Eingriff wurde ausgeführt?

Alle Operationsverfahren mit und ohne Netz, offen und endoskopisch operiert, können Rezidive entwickeln. Es gibt dabei Hinweise, dass das Rezidiv nach Netzimplantation im Zeitverlauf später entsteht.

Eine umfangreiche Studie von Lorenz u.w. (CHAZ, 2013) wertete 37688 Hernien- Operationen aus, demnach werden in Deutschland noch immer mehr als zehn Prozent an Rezidiven operiert (4243 Fälle).

Darunter sind nicht wenige Mehrfachrezidive zu finden. Dabei ist festzustellen, je hochgradiger das Rezidiv ist, desto höher ist die Chance, ein erneutes Rezidiv zu bekommen: Zehn Prozent der Erstrezidive entwickeln ein Zweitrezidiv, erfahrene „Bruchchirurgen“ operieren gar auch Drittrezidive und mehr.

Welche operative Strategie sollte gewählt werden?

Der Wechsel des Verfahrens ist dabei ausschlaggebend. Wurde „offen ohne Netz“ operiert, sollte diese Strategie nicht erneut angewendet werden. Das Stabilisieren mit einem „Netz durch die minimal invasiven Verfahren oder „offen chirurgisch“ (nach Lichtenstein), sind „1.Wahl“.

Ebenso sollte die Rezidiv-Technik bei vorausgehendem minimal-invasivem Eingriff (TEPP oder TAP) dann entsprechend gewechselt werden und mit „Netz offen, Lichtenstein“ ein sicherer Bruchverschluss erreicht werden.

Wer sollte mich beim Rezidiv operieren?

Im Handwerk gilt seit dem Altertum „wer etwas häufig macht, kann die Technik besser“. Lassen Sie sich über den Hausarzt beraten, welche Klinik in ihrem Umfeld häufig auch den Rezidiv-Eingriff ausübt.

Der Begriff „Chirurgie“ kommt aus dem Altgriechischen (χειρουργία, cheirurgía) und über Latein (chirurgia) zu uns und bedeutet seit der Antike Ägyptens: Handarbeit!

Über den Autor

Dr. med. Klaus-Dieter Schiebold
Dr. med. Klaus-Dieter Schiebold

Bildergalerie

Aktuelle Ausgabe4/2018