Die Bedeutung von Mut

„Nicht derjenige ist mutig, der keine Angst hat, sondern derjenige, der seine Angst überwindet“!

Vom Mut, eine Probe zu wagen

Ein König stellte für einen wichtigen Posten den Hofstaat auf die Probe. Kräftige und weise Männer umstanden ihn in großer Menge. „Ihr weisen Männer“, sprach der König, „ich habe ein Problem, und ich möchte sehen, wer von euch in der Lage ist, dieses Problem zu lösen.“ Er führte die Anwesenden zu einem riesengroßen Türschloss, so groß, wie es keiner je gesehen hatte. Der König erklärte: „Hier sehr ihr das größte und schwerste Schloss, das es in meinem Reich je gab. Wer von euch ist in der Lage, das Schloss zu öffnen?“. Ein Teil der Höflinge schüttelte nur verneinend den Kopf. Einige, die zu den Weisen zählten, schauten sich das Schloss näher an, gaben aber zu, sie könnten es nicht schaffen. Als die Weisen dies gesagt hatten, war sich auch der Rest des Hofstaates einig, dies Problem sei zu schwer, als dass sie es lösen könnten. Nur ein Wesir ging an das Schloss heran. Er untersuchte es mit Blicken und Fingern, versuchte es auf die verschiedensten Weisen zu bewegen, und zog schließlich mit einem Ruck daran. Und siehe, das Schloss öffnete sich. Es war nur angelehnt gewesen, nicht ganz zugeschnappt, und es bedurfte nichts weiter als des Mutes und der Bereitschaft, dies zu begreifen und beherzt zu handeln. Der König sprach: „Du wirst die Stelle am Hof erhalten, denn du verlässt dich nicht nur auf das was du siehst oder was du hörst, sondern setzt selber deine eigenen Kräfte ein und wagst eine Probe.“ (Aus N. Peseschkian, der Kaufmann und der Papagei, Fischer TB)

In der heutigen Zeit leiden viele Menschen unter Ängsten. Die meisten glauben, dass die Angst das Gegenteil von Mut ist - aber ist es das wirklich? Früher gehörten Ängste zum Überleben: Unsere Vorfahren hatten z.B. Ängste vor wilden Tieren, vor ihren Feinden, vor Naturkatastrophen oder vor der Strafe der Götter. Diese Angst führte dazu, dass sie sich in Sicherheit brachten, dem Unheil vorbeugten und damit überlebten. Keiner fand etwas Schlimmes daran. Der Begriff Feigheit entstand erst später - Feigheit vor dem Feind war etwas Schlechtes, führte aber auch dazu, dass mehr Menschen in Kriegen oder Kämpfen starben. Heute können sich die Menschen in vielen Belangen besser schützen, komischerweise gibt es aber auch mehr Ängste als früher. Was bedeutet Mut überhaupt? Es gibt viele Möglichkeiten, mutig zu sein: Mut zur Meinungsäußerung, Mut beim Sport, Mut auf Menschen zuzugehen, Mut finanzielle Risiken einzugehen, beim Lernen „Mut zur Lücke“ zu haben, Mut Entscheidungen zu treffen und auch die Konsequenzen zu tragen und vieles mehr. Jemand kann durchaus in Teilbereichen mutig sein, aber in anderen Lebenssituationen diesen Mut nicht haben. Wer mutig seine Meinung sagt, also Zivilcourage zeigt, aber keine Lust auf Klettern oder Bungee-Jumping hat, ist noch lange kein Feigling. Viele Menschen, die sich selbst als nicht mutig bezeichnen, scheitern oft an ihren eigenen Ansprüchen: „Wenn ich etwas mache, dann möchte ich es perfekt machen, ansonsten lasse ich es lieber gleich“. Das Argument, davor Angst zu haben, ist dann nur vorgeschoben, damit man ein vermeintliches Scheitern vermeiden kann. Mut bedeutet in diesem Fall, auch ein eventuelles Scheitern oder ein nicht ganz perfektes Ergebnis in Kauf zu nehmen. Dabei kann es ja auch gut gehen, wie in der obigen Geschichte, dann muss man es nur probieren. Dies ist auch von Vorbildern beeinflusst: Wie war im Elternhaus der Umgang mit Mut und Perfektionismus, wurde man belohnt oder sanktioniert, wenn man sich etwas unabhängig vom Ergebnis getraut hat? Mut ist also ein individueller Zustand und nichts Allgemeingültiges. Ich kann mich hinterfragen, in welchen Bereichen ich mutig bin und in welchen eher zurückhaltend, woher dies kommt und wo ich etwas ändern möchte. Dann kann ich nach dem oben genannten Motto klein anfangen und versuchen, meine Angst zu überwinden und mich zu steigern, z.B. bei Höhenangst erst mal in den Klettergarten und dann auf den Gipfel. In meisten Fällen ist es so, dass man, wenn man etwas gewagt und bewältigt hat, es hinterher gar nicht mehr so schlimm findet oder es sogar richtig Spaß macht. Das Glücksgefühl, ein Wagnis erfolgreich bestanden zu haben, gibt wiederum Kraft und Selbstbewusstsein. Im Alltag kann es auch schon mal helfen, nicht ständig von Angst zu reden- oft sind es doch nur Bedenken, Sorgen oder ein ungutes Gefühl, das ist schon mal weniger dramatisch als „Angst zu haben“. Wenn die Angst im Leben überwiegt und es keine rationalen Gründe dafür gibt, sollte man sich professionelle Hilfe suchen. In diesem Sinne wünsche ich Ihnen allen, öfters mal den Mut zu haben, eine Probe zu wagen“.

Über den Autor

Dr. Kerstin Büring
Dr. Kerstin Büring
Psychotherapie, Wetzlar
Aktuelle Ausgabe1/2019