Alte „Herausforderungen“ auch im neuen Jahr 2019

Gesundheit unserer Kinder und Jugendlichen

Vom Jahresherbstkongress 2018 der deutschen Gesellschaft für Kinder- und Jugendmedizin gemeinsam mit Kinderchirurgen, Kinderpsychiatern, dem Berufsverband der Pädiater und den Kinderkrankenschwestern in Leipzig möchte ich zu Jahresbeginn über diese aktuellen Themen berichten:

Übergewicht - Inklusion - Medienkompetenz - Impfmedizin

„Adipositas“

Es ist bekannte, traurige Realität: Etwa die Hälfte unserer Bevölkerung ist übergewichtig bis fettsüchtig. Ein Schicksal, das auch 20% unserer Kinder und Jugendliche teilen – Tendenz eher steigend. Wir essen zu viel und oft „Ungesundes“: Zucker, Fett, Fertiggerichte und Snacks im Übermaß führen zu Folgekrankheiten, die Kinderärzte bereits im frühen Alter sehen. Bluthochdruck, erhöhte Blutfette sind Risikofaktoren für Diabetes, Herz- Kreislauferkrankungen, Bewegungsmangel und seelischer Stress in Kita und Schule führen nicht zu erheblichen Folgekosten.

Eine erfolgreiche Strategie zum Abnehmen kann relativ „einfach“ sein. Unverzichtbar ist die Vorbildfunktion von uns Erwachsenen - dicke Kinder haben statistisch häufiger dicke Eltern. Eine altersgemäße Aufklärung über gesunde Nahrungsmittel samt geregelter Essenskultur gehört ins Elternhaus, Kita wie „Gesundes Frühstück“ und Schulkantine. Weniger Fleisch, häufiger pflanzliche Kost, ungesüßte Getränke nach den Qualitätskriterien der Deutschen Gesellschaft für Ernährung. Möglichst kein „Nebenbeifuttern“ aus Langeweile oder Frust, Popcorn zum Fernsehen/Kino bitte nicht „eimerweise“.

Forderung der Pädiater in Leipzig: Sozialpolitik soll endlich für die seit Jahren in anderen Ländern bewährte „Ampelkennzeichnung“ für jedes Nahrungsmittel einführen: Rot=ungesund, Gelb=-bedenklich, Grün=-gesund! Lebensmittelhersteller müssen in die Pflicht genommen werden, hoch kalorige, raffiniert geschmackskorrigierte, konservierte Fast-Food oder Tiefkühlkost mit vielen Zusatzstoffen auch in kleineren Packungen zu „renaturieren“.

Dazu eine gute Nachricht: Im LDK gibt es im Rahmen der zunehmenden Ganztagsbetreuung bereits sehr konkrete Ansätze für eine gesunde Schulverpflegung. Der Erfolg wird sich sicherlich in absehbarer Zeit im

„Erscheinungsbild“ und der Lebensqualität unserer Schüler erkennen lassen.

„Inklusion“

Inklusion (lat. Einschluss) bedeutet für alle Menschen das Recht auf eine individuell bestmögliche Förderung zur Teilhabe am gesellschaftlichen Leben. Dieses UN - Menschenrecht gilt unabhängig vom Alter, der Ursache sowie Art und Ausmaß einer geistigen oder körperlichen Behinderung.

Inklusion benötigt das Neugeborene mit Fehlbildungen ebenso, wie ein lernbehindertes Schulkind und der nach einem Schlaganfall gehunfähige, taube oder ein unter Demenz leidender Erwachsener.

Inklusion ist in Deutschland mittlerweile auf einem guten Weg, erfordert jedoch unsere ständige, empathische Aufmerksamkeit für Hilfebedürftige und den festen Willen, ihr ohnehin schweres Schicksal nachhaltig durch gezielte Strategien meistern zu helfen.

Im Eröffnungsvortrag des Kongresses beschäftigte sich Prof. Seidel, Hannover sehr konkret und überaus kritisch mit der Umsetzung von Inklusion durch Verantwortliche in der eigenen Familie, betreuende Ärzte, in Frühförderung, Kita, Schule und Freizeit und insbesondere die Sozial- Schul und Finanzpolitik. Letztere müssen sich in Deutschland wesentlich intensiver um die Logistik der Inklusion kümmern: Gelder für angepasste Kita- und Schulräume, ausreichendes und qualifiziertes Personal für Pflege und Therapie sowie Übungsmaterial für behinderte Kinder verschiedener Altersgruppen und Krankheiten sind unverzichtbare Voraussetzungen für eine nachhaltige Inklusion.

Diese Voraussetzungen sind bei weitem nicht flächendeckend gegeben. Insbesondere bei der Inklusion von Schüler mit Handicaps ist die personelle Betreuung oft kritisch. Es fehlen sowohl Therapeuten sowie Sonderschullehrer mit entsprechender erziehungswissenschaftlicher und pädagogischer Ausbildung. Je nach Betroffenheit benötigt ein Kind eine empathische Betreuungsperson für sich alleine . . . ! Man war sich in hitzigen Diskussion schnell einig, dass der Staat sich nicht aus der Verantwortung ziehen darf, indem er die teils eklatanten Finanz- und Personalprobleme nicht ernsthaft in den Griff bekommt. Während für Kitas die behindertengerechte Förderung und Versorgung weitgehend selbstverständlich geworden ist, droht die Schulinklusion zusätzlich die Diskussion über integrative Beschulung in der Regel- oder in einer Sonderschule in Misskredit zu geraten.

Im Kreis Lahn/Dill- und Limburg/Weilburg haben sich seit vielen Jahren sowohl die Konzepte der Lebenshilfe von integrativem Kindergarten mit vielfältigem Therapieangebot, mit integriertem Schulangebot als auch die Behindertenwerkstätten für Heranwachsende und ältere Mitbürger bis hin zum Generationen übergreifenden behinderten gerechten Wohnen vorbildhaft entwickelt und bewährt.

Alle Kongressteilnehmer waren sich einig: Inklusion mit Empathie und Fachwissen ist für eine lebenswerte Gesellschaft unverzichtbar. Solange eine teils ignorante Politik mit ausufernder Bürokratie hohe Hürden aufbaut, bleibt Inklusion in Deutschland ein Stiefkind.

„Medienkompetenz für Kinder und Jugendliche“

Der Beginn des digitalen Zeitalters ist eine spannende Herausforderung in vielen Lebensbereichen und jedem Alter und war somit Thema auf dem Jahreskongress der Pädiater. Ab welchem Alter soll/darf/muss ein Kind/Schüler oder Jugendlicher im Umgang mit Fernsehen, Spiele- Apps, Smartphone, Playstation, Internet oder sozialen Netzwerken in welchem Umfang und mit welchen Programmen vertraut gemacht werden, um von frühen Kindesbeinen an einen sinn –und verantwortungsvollen Umgang mit diesen „magischen“ Geräten vertraut zu machen? Eltern sollten ihre Kinder, sobald sie Interesse an neuen Medien zeigen – was durchaus mit frühen Kleinkindalter der Fall sein kann - das unverzichtbare Gespräch suchen, möglichst gezielt anleiten und über viele Jahre aufmerksam verfolgen.

Die Diskussion um Anwendung digitaler Medien in Kita und Schule ist weltweit entschieden: Nicht entweder sondern sowohl als auch. Sie ist nutzbringend, wenn sie von kompetenten Betreuern mit einem klaren Konzept und altersgerechtem Material z.B. digitale Tafeln, Spielen umgesetzt wird.

Berührungsängste werden abgebaut, neue Pädagogik eingeführt, Recherchen und Dokumentation erleichtert. Zum Lernen – besonders im frühen Alter gehört jedoch unabdingbar die menschliche Interaktion, das Anfassen und Schauen, das Lesen und Schreiben mit Buch und Heft, das Austoben in der Natur, der Kontakt untereinander. In diesem Sinne ist die geplante Milliardeninitiative für Schulen unverzichtbar.

Der Umgang mit dem Internet verlangt für jedes Kind und insbesondere Jugendliche zuverlässige Betreuung. Die Gefahr vor alters- oder inhaltlich ungeeigneter oder gar verführerisch gefährlicher Informationen oder Kontaktsuche ist sehr groß. Für Surfen und Spielen im Netz schon frühzeitig eine Zeitbeschränkung vereinbaren und möglichst strikt einhalten: altersgemäß nur wenige Stunden täglich, Pausen einhalten, nicht während der Mahlzeit oder kurz vor dem Schlaf. Realistische Gefährdungen bestehen im Suchtpotential digitaler Medien (Spiele), kommerzieller Werbung, Vernachlässigung von Freundschaften, Schule oder Hobbys, Leistungsabfall, Konzentrationsstörungen auch kriminellen, gehässigen Cyber-Mobbings durch Mitschüler.

Gefährliche Strahlen durch digitale Geräte gibt es definitiv nicht. Augenärzte beobachten jedoch weltweit eine beängstigende Fehlsichtigkeit durch Dauer belastende Nahfixation.

Eltern schaut zu, was Euer Kind im Netz erlebt und zeigt eigene Medienkompetenz

www.gutes-aufwachsen-mit-medien.de

Kindersuchmaschine: www.fragFinn.de

www.internet-abc.de

EU -Initiative „klick.safe.de“

bzga.de.schau-hin.info

Eigene Computerstartseite für das Kind: www.meine-startseite.de

Impfmedizin

Dass der Impfpiks gegen sehr viele schwere, oft in Epidemien auftretende, auch lebensgefährliche Infektionskrankheiten im Laufe der letzten hundert Jahre eine in der Medizin vorher nie gekannte Erfolgsgeschichte hinter sich hat, ist eine weltweit akzeptierte Wahrheit. Impfprävention ist ein Segen für die Menschheit. Immunologen und Infektiologen arbeiten unermüdlich und erfolgreich sowohl an der Verbesserung der aktuellen Impfstoffe als auch an neuen Wirkstoffen gegen bisher kaum zu therapierenden Krankheiten z.B. Malaria, Aids oder Krebs.

Wer als „bekennender“ Impfgegner Schutzimpfungen pauschal ablehnt, gefährdet fahrlässig sich selbst, seine Kinder und seine Mitmenschen insbesondere Neugeborene wie Säuglinge, Jugendliche aber auch und vor allem kranke und immun geschwächte ältere Mitbürger. Er handelt mit seinem selbstsicheren, fehlenden Risikobewusstsein verantwortungslos und ist oft ein Opfer von „fake news“. So wurde aktuell der Kinofilm „Eingeimpft“ von Sieveking als ein trauriges Beispiel unausgewogener, emotionsbetonter „Dokumentation“ von internationalen Experten in Leipzig als Verunsicherung der Eltern durch Halbwahrheiten gewertet. Auf dem Pädiaterkongress beklagten die Ärzte, dass die Deutschen – trotz ihres großen wissenschaftlichen Potentiales –leider immer noch in einem „hartnäckig, ignoranten“ Impfentwicklungsland leben. Impfstoffe sind sichere Medikamente mit nur sehr geringen Nebenwirkungen. Der weltweit statistisch gesicherte Präventionserfolg samt sehr seltenen Nebenwirkungen im Kampf gegen Infektionen steht in keinem Verhältnis zur Erkrankungsrate und schweren Verläufen von Wildinfektionen ohne Impfschutz oder Herdenschutz.

Ein Herdenschutz der Lebensgemeinschaft besteht für den Einzelnen erst dann, wenn 96 % der Bevölkerung wirksam geimpft ist.

Beispiele: Innerhalb der EU wurden für die letzte Grippesaison 333 567 Patienten gemeldet, davon mussten 20 % stationär behandelt werden - 1665 Menschen verstarben!

Masern treten – auch mit schwerem Verlauf - wieder in kleinen Epidemien auf, da entweder kein vollständiger Individualschutz besteht oder auch durch viele (noch) nicht geimpfte Asylsuchende das Infektionsrisiko für alle gestiegen ist z.B. für Tuberkulose oder Keuchhusten.

Eine sehr geringe Akzeptanz beklagen Ärzte bei der HPV (Humanes Papilloma Virus Impfung), die gegen häufigen Brustkrebs sowie Genital/Rachenherpes auch die Jungen schützt. England und Australien, die eine Durchimpfungsrate von über 80 % haben, berichten mit in kurzer Zeit dramatischen Abfall der Erkrankungen. Deutsche Jungen sind nur zu 5 % geschützt, Mädchen weniger als 30 %! Dass Säuglinge, Kinder und alte Menschen mit Vorerkrankungen oder Immunschwäche besonders gefährdet sind, zeigt die Notwendigkeit von frühem Impfen mit jahrzehntelang bewährten Mehrfachimpfstoffen sowie regelmäßigen Auffrischimpfungen.

Als industrieunabhängiges Expertengremium veröffentlicht die STIKO (Ständige Impfkommission des Paul Ehrlich Institutes in Berlin) jährlich den aktuellen Impfkalender für Ärzte und die Bevölkerung.

Sie registriert und veröffentlicht regelmäßig alle meldepflichtigen Erkrankungen in einem „Epidemiologischen Bulletin“.

Zu weiteren Informationen wenden Sie sich vertrauensvoll an Ihren betreuenden Kinder- und Jugendarzt oder Allgemeinarzt.

Info: www.rki.de/Impfen

www. kinderaerzte-im-netz.de/Impfen

Über den Autor

Dr. med. Josef Geisz
Dr. med. Josef Geisz
Kinder-Jugendarzt/Allergologie, Wetzlar

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Aktuelle Ausgabe1/2019