Die Kreissäge kennt keine Gnade

Hektik, Unerfahrenheit und mangelnde Konzentration sind die häufigsten Gründe für Schnittwunden und Amputation im Bereich der Hand.

Manfred H. hat schon unzählige Male an der Kreissäge gearbeitet. Seit über 20 Jahren schneidet und stapelt er sein Brennholz selbst, bastelt und baut Gegenstände aus Holz. Immer voll konzentriert. In diesem Jahr sollte es eine Weihnachtsdekoration aus Holz werden. Die Vorlage hatte er in einer Zeitschrift gesehen. Doch an diesem Freitag sollte es anders kommen. Gegen 12 Uhr war er dabei das benötigte Holz zurecht zu schneiden. Plötzlich verkantete sich das Holz in dem Sägeblatt und Manfred H. kam ins Stolpern. Nur nicht in das Sägeblatt fallen waren seine letzten Gedanken. Im Reflex wollte er seinen Oberkörper vor dem Sturz nach vorne schützen und griff in das weiterhin laufende Sägeblatt. Innerhalb von Bruchteilen einer Sekunde war die Hand auf Höhe der Mittelhand abgetrennt. Nur noch der Daumen war an Ort und Stelle. Die restlichen Finger hingen an einer kleinen Hautbrücke funktionslos herab. Ab dann ging alles ganz schnell. Seine Frau die seine Hilferufe aus dem Hof gehört hatte legte einen provisorischen Verband an um die Blutung zu stoppen und verständigte über die 112 den Rettungsdienst. Durch die detaillierte Schilderung alarmierte die Rettungsleitstelle direkt den Rettungshubschrauber Christoph Gießen, der Manfred H. ins Universitätsklinikum nach Gießen brachte. Nach einer kurzen Begutachtung durch die Ärzte der Notaufnahme im Schockraum wurde Manfred H., nicht einmal eine Stunde nach dem Ereignis in den Operationssaal gebracht, wo er zunächst durch die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der Narkoseabteilung und dann durch die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der Handchirurgie versorgt wurde. Im Rahmen einer 10 stündigen Operation konnten drei der vier abgetrennten Finger replantiert werden. 1 Jahr nach dem Unfall und nach weit über 100 Behandlungen bei Ergotherapeuten und Krankengymnasten ist die Behandlung abgeschlossen. Die alte Kreissäge hat Manfred H. durch eine moderne ausgetauscht. Das Arbeiten mit Holz lässt er sich trotz dieses Ereignisses nicht nehmen. Nur noch vorsichtiger will er in Zukunft sein.

Fragen an Prof. Dr. Szalay, Leiter der Handchirurgie am Universitätsklinikum Gießen, rund um das Thema Kreissägenverletzungen.

Kommen Kreissägenverletzungen häufig vor?

Leider ja. Während vollständige Amputationen einer Hand glücklicherweise eine seltene Ausnahme darstellen kommen kleinere Schnittwunden an der Hand, sowie Amputationen von Teilen eines Fingers oder eines ganzen Fingers leider häufig vor.

Warum kommen solche Verletzungen so häufig vor?

In erster Linie liegt das daran, dass eine Kreissäge nichts verzeiht und keine Gnade kennt. Egal was ihr in den Weg kommt wird durchgeschnitten. Jeder Fehler und jede Unkonzentriertheit, wird bestraft. Oft kommt es auch zu einer Verkettung von Ereignissen, die dann die Schnittverletzung zur Folge hat. Im vorliegenden Fall war ein großes Stück Pech mit im Spiel. Manfred H. hatte eigentlich alles richtig gemacht. Das sich im Sägeblatt verkantende Holz sorgte dafür, dass er das Gleichgewicht verlor und nach vorne fiel. Als er sich im Reflex abstützen wollte fasste er in das laufende Sägeblatt. Leider hören wir in der Notaufnahme immer wieder Sätze wie „ich wollte nur mal schnell“ oder „ich war in Eile“ oder „es war ein langer Tag - ich war unkonzentriert“. Oft sind es Bretter oder Balken die sich im laufenden Sägeblatt verkanten und eine Kettenreaktion auslösen. Nicht selten verfangen sich die zu großen Arbeitshandschuhe im laufenden Sägeblatt und ziehen die Hand hinein. Technische Defekte können, ebenso wie defekte oder veraltete Maschinen, die Ursache sein.

Entgegen der Vermutung, dass insbesondere Schreiner betroffen sind, habe ich eher den Eindruck, dass Hobbyhandwerker und Personen betroffen sind die sich für den Eigenbedarf beispielsweise Brennholz zuschneiden. Wie bei jeder Tätigkeit und auch bei anderen Berufen spielt Erfahrung beim Umgang mit solchen Maschinen eine große Rolle.

Auch Verletzungen unter dem Einfluss von Alkohol und Drogen, die an der Kreissäge genauso wenig zu suchen haben wie im Straßenverkehr sehen wir immer wieder. Zwischen Tür und Angel unter Zeitdruck mal schnell an der Kreissäge zu arbeiten, ist ebenso unangebracht wie nach einem langen Arbeitstag eine solche Tätigkeit durchzuführen.

Wie kann sich der Laie eine Replantation vorstellen?

Eine Replantation ist ein recht standardisierter Eingriff bei dem es insbesondere darauf ankommt, dass der Patient und das Amputat so schnell wie nur möglich in den OP kommen. Dort versorgt zunächst die Anästhesie den Patienten und kümmert sich um die Narkose. Während dieser Zeit macht der Handchirurg sich ein Bild vom Amputat und entscheidet ob dieses überhaupt für eine Replantation geeignet ist. Leider sind viele Amputate durch das Sägeblatt so zerstört, dass eine Replantation nicht mehr möglich ist. In diesem Fall kommt es nur zu einer Stumpfbildung und der Eingriff ist relativ schnell beendet. Ist das Amputat für die Replantation wie bei Herrn H. geeignet, so werden Schritt für Schritt alle zerstörten Strukturen rekonstruiert. In der Regel beginnt man damit den Knochen mit Platten, Schrauben und Drähten zu stabilisieren, bevor man sich um die Naht und Rekonstruktion der Gefäße, Sehnen und Nerven kümmert. Da die Strukturen an der Hand sehr fein sind geschieht dies mit Hilfe einer Lupenbrille oder einem Operationsmikroskop. Und das braucht einfach seine Zeit.

Wie lange dauert eine Replantation in der Regel?

Das hängt natürlich vom Ausmaß dessen ab, wie das Sägeblatt in der Hand gewütet hat. Wie gesagt, die Kreissäge kennt keine Gnade. Bei Herrn H. hat es so lange gedauert, da die Säge sehr intensiv ihren Job gemacht hat und ein sehr grobes Sägeblatt in der Maschine war. Die vollständige Replantation einer Hand dauert, durch die hohe Anzahl der Strukturen die versorgt werden müssen, natürlich länger als nur ein einzelner Finger. Während man einen Finger in etwa 2-3 Stunden replantieren kann, dauert eine Handreplantation schon mindestens 8 Stunden – oft auch länger. Je ausgedehnter der Schaden, desto länger natürlich die Operationszeit.

Ist eine Replantation immer möglich?

Leider nein. Oft sind die Strukturen und das Amputat so zerstört, dass selbst in einem optimalen Setting, d.h. sehr erfahrener Handchirurg, kurze Rettungszeit optimales Anästhesie und Op-Team eine Replantation nicht möglich ist.

Ist die Hand nach einer Replantation wieder voll funktionstüchtig?

Nein. Die Replantation einer Hand oder eines Fingers geht immer mit einer Funktionsbeeinträchtigung einher. In der Regel verbleiben Gefühls- und Bewegungsstörungen der Finger. Die verbleibenden Einschränkungen hängen natürlich vom Ausmaß der Schädigung ab.

Wie geht es nach einer erfolgreichen Replantation für den Patienten weiter?

Der Patient verbleibt bis sicher ist, das keine Komplikationen auftreten im Krankenhaus. Dies kann je nach Verletzungsschwere mehrere Wochen dauern. Die Dauer der Ruhigstellung hängt ebenfalls davon ab, wie schwer die Strukturen geschädigt waren. Besonders wichtig ist die intensive Beübung der Finger durch einen Ergo- oder Physiotherapeuten. Eine Replantation bedeutet immer eine lange und intensive Nachbehandlungsdauer, sowie eine mehrmonatige Arbeitsunfähigkeit.

Was sollte man im Umgang bei der Arbeit mit Kreissägen oder ähnlichen Maschinen beachten?

Gutes, modernes Werkzeug, volle Konzentration, keine Hektik oder Eile, kein Alkohol, keine Drogen und wenn Sie sich nicht damit auskennen dann lieber den Fachmann rufen. Aufgepasst mit den zu großen Arbeitshandschuhen – wenn diese sich im Sägeblatt verfangen dann wird die Hand in das Sägeblatt gezogen. Insgesamt wie bei jeder Arbeit auf optimale Bedingungen achten und sich nicht ablenken lassen.

Wie sollten Ersthelfer sich bei einer Amputation verhalten?

Bei Herrn H. lief schon alles optimal und die Ersthelfer und der Rettungsdienst haben eine vorbildliche Arbeit geleistet. Die Ehefrau verständigte den Rettungsdienst und hat einen provisorischen Verband angelegt und die Blutung, die bei Herrn H. sehr stark war, gestoppt. Der Rettungsdienst wiederum hat den Patienten in kürzester Zeit in eine mit solchen Verletzungen vertraute Klinik gebracht, so dass zwischen Unfall und Beginn der Operation weniger als eine Stunde verstrich. Ganz allgemein gesprochen stellt eine Amputation durchaus einen Grund dar den Rettungsdienst zu verständigen. Diese haben speziell für das Amputat vorgesehene Kühlbeutel und verbinden die Wunde an der Hand steril. Sollte der Patient ohne den Rettungsdienst in die Klinik kommen, so ist es wichtig das Amputat zu kühlen und nach Möglichkeit steril zu verpacken. Die Wunde an der Hand sollte ebenfalls steril verbunden werden.

Über den Autor

Dr. med. Gabor Szalay
Dr. med. Gabor Szalay
Leitender Oberarzt,
Leiter der Sektion Handchirurgie am UKGM, Gießen

Bildergalerie

Aktuelle Ausgabe1/2019