Ältere Autofahrer – Gefahr oder Gefährdete?

Mobilität hat in unserer Gesellschaft eine sehr große Bedeutung. Insbesondere Senioren profitieren im Alltag durch ihre eingeschränkte Gehfähigkeit vom Autofahren und möchten daher noch mobil sein. Ältere Menschen gehören weltweit zu der am stärksten wachsenden Altersgruppe. Daher wird auch der Anteil älterer Autofahrer in den nächsten Jahren ansteigen. Die Folge ist ein Anstieg der Senioren, die einen Unfall verursachen bzw. die verletzt werden können. In Deutschland sind Menschen über 65 Jahren an 13 % der Verkehrsunfälle beteiligt, obwohl ihr Anteil an der Gesamtbevölkerung 21 % beträgt. Ältere Autofahrer stellen damit nach den absoluten Unfallzahlen bisher keine besonders auffällige Risikogruppe dar. Die geringe Unfallbeteiligung ist dabei vor allem Ausdruck einer insgesamt geringeren Beteiligung am Straßenverkehr statt eines Hinweises auf eine bessere Fahrleistung. Unter Berücksichtigung der Fahrleistung steigt das Unfallrisiko pro gefahrenen Kilometer ab einem Alter von > 75 Jahren wieder an. Das Niveau der Hochrisikogruppe „jüngerer Autofahrer“ zwischen 18 und 24 Jahren wird jedoch nicht erreicht. Ältere Menschen erleiden im Durchschnitt schwerere Unfallfolgen als jüngere. Bei einer Unfallbeteiligung der Senioren von nur 13 % erleiden 25,5 % der verunglückten Senioren schwere Verletzungen, 33 % davon sterben. Mit zunehmendem Alter nimmt die Sterblichkeit im Straßenverkehr zu. Jeder dritte Verkehrstote in Deutschland ist heute 65 Jahre und älter.

Insgesamt hat die Zahl der im Straßenverkehr verunglückten Senioren seit 1980 um 35 % zugenommen. Dabei stieg das Risiko von Senioren, in einem PKW zu verunglücken, seit 1980 um 28 %. Im gleichen Zeitraum ist das Risiko, als Fußgänger zu verunglücken, um 64 % gesunken. Dies dürfte darin begründet sein, dass die heutigen Senioren häufiger einen PKW benutzen als frühere Generationen. Es sterben mehr als doppelt so viele Männer wie Frauen durch Unfälle im Straßenverkehr. Dies dürfte sicherlich auf eine defensivere Fahrweise der weiblichen Senioren zurückzuführen sein. Ältere Autofahrer stehen vor allem als Unfallverursacher im Fokus. So sind die in einem Unfall verwickelten über 65-jährigen in 67 % auch die Hauptverursacher, bei den über 75-jährigen sogar zu 75 %.

Im Gegensatz zu anderen Ländern brauchen ältere Autofahrer in Deutschland, Frankreich und Österreich ihre Verkehrstüchtigkeit nicht prüfen zu lassen. Nur Lastwagen- und Busfahrer müssen ab einem Lebensalter von 50 Jahren eine Fahrerlaubniskontrolle durchführen. Bisher gibt es jedoch keinen eindeutigen wissenschaftlichen Beweis dafür, dass eine flächendeckende regelmäßige Fahreignungsuntersuchung ab einer gewissen Altersgrenze eine effektive Methode zur Erkennung kritischer Verkehrsteilnehmer ist.

Alter ist zur Beurteilung der Fahrtauglichkeit wenig zuverlässig. Es sind vor allem Krankheiten und die mit dem Älterwerden verbundenen funktionellen Einschränkungen, die zu einem Verlust der Fahrerlaubnis führen können. Andererseits sind Senioren oft umsichtiger und bringen durch ihre langjährige Fahrpraxis mehr Erfahrung mit. Im Alter stehen bei Unfällen nicht ein leichtsinniges Verhalten im Vordergrund, sondern altersbedingte Einschränkungen der Wahrnehmung und Reaktion in komplexen Situationen. Daher zählen Seh- und Denkvermögen sowie Beweglichkeit zu den Schlüsselfähigkeiten des Autofahrens. Trainingsprogramme können eine gute Gelegenheit für ältere Verkehrsteilnehmer darstellen, auf altersbedingte Veränderungen aufmerksam zu werden und entsprechend zu reagieren.

Grundsätzlich steht es in der Eigenverantwortung eines jeden Einzelnen, für sich selber festzustellen, ob man in der Lage ist, ein Fahrzeug sicher zu führen, ohne sich oder andere zu gefährden oder sogar zu schädigen.

 

Über den Autor

Prof. Dr. med. Martin Brück
Prof. Dr. med. Martin Brück
Chefarzt der Medizinischen Klinik I
Klinikum Wetzlar

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