Dry Needling

Eine effektive Strategie in der Schmerztherapie des Bewegungsapparats

Grundsätzlich kann jedes Körperteil als schmerzhaft empfunden werden. Lange Zeit wurden in der Medizin abgenützte Gelenke (Arthrose) oder eingeklemmte Nerven (z.B. durch einen Bandscheibenvorfall) als Ursache für Schmerzen im Bewegungssystem verantwortlich gemacht. In den letzten Jahren ist durch Forschungsarbeit klar geworden, dass die Schmerzen sehr häufig ihren Ursprung in den Faszien und Muskeln haben.

Der Grund warum die muskulären Ursachen von Schmerzen so lange übersehen worden sind hat eine plausible Ursache. Sie besteht darin, dass der Ort, an welchem Schmerz entsteht, und der Ort der Schmerzwahrnehmung oft weit auseinander liegen. So liegt die Ursache von Knieschmerzen häufig in der Muskulatur des Oberschenkels, Schmerzen im Ellenbogen kann durch einen Muskel am Schulterblatt ausgelöst werden. Ein verspannter Muskel im Nacken kann Kopfschmerzen auslösen und Schmerzen in der Achillessehne können von der Wadenmuskulatur ausgehen. Oder ein verspannter Muskel im Beckenbereich kann Schmerzen im unteren Rücken auslösen.

Vor wenigen Jahrzehnten wurde von Wissenschaftlern entdeckt, dass sich unter ungünstigen Voraussetzungen lokale Muskelfasern dauerhaft verändern können.

Diese druckempfindlichen Zonen werden Triggerpunkte genannt. Durch Fehlbelastungen sowie durch lokale Störungen im Stoffwechsel, können sich Überleitungsstellen zwischen Nerven und den Muskeln krankhaft verändern, so dass sich im Muskel winzige Faseranteile dauerhaft verkrampfen und verkürzen. Sie behindern die Blutversorgung der Muskelzellen und Stoffwechselendprodukte der Muskelzellen können nicht mehr abtransportiert werden. Dies sorgt für Schmerzen, eine verminderte Belastbarkeit und eine raschere Ermüdung der betroffenen Muskulatur. Bei einer starken Störung erzeugen diese Triggerpunkte einen Dauerschmerz. Dieser Dauerschmerz ist jedoch meist ausstrahlend und diffus und somit ist die eigentliche Ursache, auf den ersten Blick, nicht eindeutig. Geschulte Therapeuten und Ärzte können die Triggerpunkte auffinden und durch eine Druckprovokation den empfundenen Schmerz zusätzlich „triggern“ also verstärken.

Es gibt mehrere Möglichkeiten Triggerpunkte zu behandeln. Am besten haben sich die manuelle Triggerpunkt-Therapie und das Dry Needling bewährt. Bei der manuellen Triggerpunkt-Therapie werden mit gezielten Griffen die Muskulatur und die Faszien behandelt. Beim Dry Needling werden sterile Einwegakupunkturnadeln verwendet. Die Nadel wird exakt in das Zentrum des Triggerpunkts gestochen, diese Methode führt meist zu einem Muskelzucken und zu einem dumpfen Druckgefühl. Die Nadeln bewirken eine lokale Verbesserung der Durchblutung, weiters setzen sie schmerzlindernde Botenstoffe frei und zusätzlich wirken die Nadeln im Gehirn, dort werden Serotonin und Endorphine freigesetzt welche schmerzlindernd wirken. Dadurch werden die Verkrampfungen effektiv und langfristig gelöst. Das Dry Needling wir bei der Behandlung von Schmerzsyndromen, in der Sporttherapie und bei typischen orthopädischen Beschwerdebilder wie Arthrose, Sehnenentzündungen, Muskelansatzreizungen und bei Narbenschmerzen eingesetzt.

Dry Needling ist jedoch keine Akupunktur. Es werden zwar dünne Einwegakupunkturnadeln verwendet, jedoch sind die Behandlungsstrategien nicht miteinander zu vergleichen. Beim Dry Needling wird ausschließlich in individuell entstandene, vorab diagnostizierte Triggerpunkte im Muskel gestochen, um die Verspannung und die daraus entstehenden Schmerzen zu lösen. Im Gegensatz zu einer Akupunktur-Behandlung, bei der in spezifische Akupunktur-Punkte gestochen wird, um unterschiedliche Ziele zu erreichen.

Der Patient kann den Therapieerfolg verbessern indem er den betroffenen Muskel nach dem Dry Needling mit Wärme behandelt (Dusche / Heisses Bad) und sanft dehnt. Der behandelte Muskel kann nach einer Behandlung etwas schmerzen (fühlt sich an wie ein Muskelkater) und manchmal bildet sich ein kleiner Bluterguss.

Dry Needling ist eine sichere Therapiemethode. Voraussetzung dafür sind eine gute Ausbildung und eine überdurchschnittlich gute dreidimensionale Anatomiekenntnis und Tastfähigkeit des Therapeuten.

Das Dry Needling muss unter hygienischen Voraussetzungen angewendet werden. Es werden sterile Einwegnadeln und ein spezielles Hautdesinfektionsmittel verwendet. Die individuellen Kontraindikationen müssen vor jeder Behandlung abgeklärt werden.

Dry Needling darf per Gesetz in Deutschland nur von Ärzten und Heilpraktikern angewendet werden.

 

Über den Autor

Ben Griell
Ben Griell
Heilpraktiker/Physiotherapeut, Wetzlar
Aktuelle Ausgabe2/2019