Schwindel aus neurologischer Sicht

„Nur nicht gleich durchdrehen“

Fast alle Menschen haben irgendwann Schwindel. Schwindel ist das zweithäufigste Symptom, das Patienten beim Arztbesuch schildern. Schwindel ist eine unangenehme Störung der räumlichen Orientierung oder eine fälschliche Wahrnehmung einer Bewegung des Körpers oder der Umgebung und äußert sich meist in Dreh- oder Schwankempfindungen.

Schwindel kommt bei 17 % der jüngeren Menschen, bei ca. 30 % der 70-jährigen und bei bis zu 50 % der 90-jährigen Menschen vor.

Wenn Patienten Schwindel beklagen, meinen sie jedoch oft auch ein Schwarzwerden vor Augen, ein Gefühl, gleich ohnmächtig zu werden, an Luftnot zu leiden und oftmals sind auch Angstgefühle dabei.

Schwindel im neurologischen Sinne liegt vor, wenn eine nicht vorhandene Bewegung des Körpers oder des Kopfes wahrgenommen wird, wenn eine Gangstörung oder Verschwommensehen vorliegt und wenn es zu vegetativen Begleitsymptomen kommt, wie Übelkeit, Brechreiz, Blässe oder Schwitzen.

Das Gefühl Schwindel entsteht, wenn die an der Raumorientierung beteiligten Sinnessysteme, das sind die Augen, die Gleichgewichtsorgane und unsere motorischen sowie sensiblen Systeme nicht normal zusammenarbeiten. Schwindel entsteht dann häufig durch ein Ungleichgewicht der Signale beider Gleichgewichtsorgane.

Die Gleichgewichtsorgane haben 3 Bogengänge mit Sinneszellen, die Drehbeschleunigung in allen drei Ebenen des Raumes abbilden können sowie zwei kleine Säckchen (Utriculus und Sacculus), die horizontale und vertikale lineare Bewegungen abbilden können. So können von den Gleichgewichtsorganen alle Veränderungen der Kopfposition im Raum wahrgenommen werden. Wie bereits oben besprochen, wird die räumliche Orientierung und das Gleichgewicht dann auch von Hirnarealen verarbeitet, die zusätzlich Informationen der Augen und aus dem Körper erhalten.

Schwindel kann auch bei gesunden Menschen auftreten, zum Beispiel gibt es die Bewegungskrankheit bei Menschen, die empfindlich sind, beim Autofahren, Busfahren, auf einem Schiff, einem Karussell oder einer Achterbahn. Auch der sogenannte Höhenschwindel ist nicht krankhaft, sondern entspringt einer individuell sehr unterschiedlichen Verarbeitung dieser Reize. Verhaltenstherapie kann beim Höhenschwindel hilfreich sein.

Eine der häufigsten Schwindelarten ist der sogenannte gutartige Lagerungsschwindel, der bei Lagewechsel attackenförmig für einige Sekunden auftritt. Meistens treten diese Attacken früh morgens beim Umdrehen im Bett auf und die Patienten klagen zusätzlich zu dem Drehschwindel über Übelkeit, Erbrechen oder verschwommen Sehen. Diese Schwindelart ist für die Neurologen oder HNO-Arzt leicht zu diagnostizieren und kann durch bestimmte Lagerungsübungen gut behandelt werden. Kristalle, die sich in den Bogengängen bewegen, sind Ursache für diese Schwindelform.

Eine weitere häufige Ursache für einen Drehschwindel ist der Ausfall oder die Erkrankung eines Gleichgewichtsorgans (Neuropathia vestibularis). Hierbei kommt es zu einem über Stunden und Tage anhaltenden Drehschwindel, sehr häufig erhebliche Übelkeit und Erbrechen sowie einer Fallneigung zur betroffenen Seite. Der Schwindel ist oftmals so stark, dass eine Krankenhauseinweisung notwendig ist und auch Infusionen verabreicht werden müssen. In der Regel werden diese Patienten neurologisch oder Hals-Nasen-Ohren-ärztlich behandelt.

Bei der Menière’schen Erkrankung kommt es zu Drehschwindelattacken mit Fallneigung zur betroffenen Seite für 20 Minuten bis zu wenigen Stunden, verbunden mit einer Hörminderung oder einem Ohrgeräusch. Da die Hörminderung oftmals bleibend ist, sollten diese Patienten Hals-Nasen-Ohren-ärztlich behandelt werden.

Sogenannte zentrale Ursachen von Schwindel können Durchblutungsstörungen des Gehirns im Rahmen von Schlaganfällen, Hirnblutungen, einer Migräne oder auch bei Patienten mit Multipler Sklerose oder Epilepsie auftreten. Diese Schwindelformen sind oftmals anhaltend und die Patienten haben sehr oft zusätzliche Symptome, die auf eine Schädigung des Gehirns schließen lassen.

Psychische Störungen können ebenfalls Schwindel verursachen, nämlich den sogenannten phobischen Schwankschwindel, bei dem Patienten über ein Schwanken und eine Stand- und Gangunsicherheit in typischen Situationen, zum Beispiel in der Öffentlichkeit, berichten. Diese Form des Schwindels sollte psychotherapeutisch begleitet werden.

Ein sogenannter unsystematischer Schwindel kann durch viele verschiedene Störungen auftreten, zum Beispiel im Rahmen von Kreislaufbeschwerden aufgrund zu niedrigen Blutdrucks, nach einem Schädel-Hirn-Trauma oder bei Einnahme zahlreicher Medikamente. Ferner wird oftmals von Patienten mit Beschwerden im Bereich des Nackens und der Halswirbelsäule über einen unsystematischen Schwindel berichtet.

Insgesamt ist Schwindel eines der an den häufigsten wahrgenommenen Symptomen, andererseits unterscheiden sich die geschilderten Schwindelarten sehr deutlich, sowohl von der Symptomatik, der Ursache als auch der Behandlung. Die meisten Schwindelarten können neurologisch oder Hals-Nasen-Ohren-ärztlich geklärt und behandelt werden.

 

Über den Autor

Prof. Dr. Klaus-Dieter Böhm
Prof. Dr. Klaus-Dieter Böhm

Bildergalerie

Aktuelle Ausgabe01.04.