Möglichkeiten der Versorgung mit Fingerprothesen
nach Amputation eines oder mehrerer Finger

Traumatische Amputation eines einzelnen oder mehrerer Finger sind leider keine Seltenheit. Die Ursachen dafür sind vielfältig. Sowohl im privaten als auch beruflichen Umfeld stellt der Umgang mit Kreissägen oder vergleichbaren Arbeitsgeräten die Materialien Zuschneiden sicherlich die häufigste Ursache dar. Unerfahrenheit beim Umgang mit diesen Geräten, Hektik, Unkonzentriertheit ein langer Arbeitstag und gelegentlich auch technische Defekte sind nur einige der Risikofaktoren, die zu einer Amputation eines oder mehrere Finger führen können. Während es im optimalen Fall dem Handchirurgen gelingt den oder die amputierten Finger zu replantieren, ist das Amputat durch das initiale Trauma oft derart zerstört, dass eine Replantation nicht mehr möglich ist. In diesen Fällen erfolgt dann, im Rahmen der Notfallversorgung, eine sogenannte Stumpfbildung der Finger. Die Amputation eines Fingers, der Hand bis hin zu einer ganzen Extremität auf Grundlage einer schweren Infektion oder eines tumorösen Geschehens ist zwar deutlich seltener, kommt aber auch immer wieder vor.

Vor allem in der postoperativen Phase empfinden die Patientinnen und Patienten den Verlust eines oder mehrere Finger verständlicherweise zunächst als schockierend. Sie leiden nicht nur unter dem hohen Funktionsverlust der durch den Fingerverlust resultiert, sondern auch unter dem sichtbaren Makel. Im Unterschied zu Amputationen an der unteren Extremität lassen sich bei der Hand Amputationsdefekte nicht einfach durch das Tragen von geeignetem Schuhwerk kaschieren. Dieser permanenten Sichtbarkeit in der Umwelt ist es auch zuzuschreiben, dass der Leidensdruck gerade bei Patienten, die sich viel „unter Menschen“ bewegen, besonders hoch ist. In diesem Zusammenhang denke man zum Beispiel an Bedienstete an einer Supermarktkasse oder im Schuldienst. Nicht selten wechseln Betroffene in andere Berufe, um sich so dieser Situation und der Konfrontation zu entziehen.

Nach Abheilung der Wunden und Verarbeitung des Schocks seinen Finger bzw. Teile der Hand durch den Unfall verloren zu haben und Realisierung der dadurch entstehenden Konsequenzen stellt sich die Frage, ob die Patientin bzw. der Patient den Zustand so akzeptieren kann, oder ob die Anlage einer Finger-, Teilhand oder Handprothese erfolgen soll.

Der folgende Artikel soll dem interessierten Leser einen Einblick in die Welt der Finger- und Handprothesen geben.

Hohe Anforderungen an die Finger- und Handprothese

Die Hand ist ein komplexes Organ. Erst der Verlust eines Teils eines Fingers, eines kompletten Fingers oder sogar mehrerer Finger macht uns im Alltag deutlich, wie hochkomplex das Zusammenspiel der Finger ist und wie wichtig das Vorhandensein aller 10 Finger ist. Man denke nur an das Tippen auf einer Tastatur, der Bedienen einer Computermaus, das Spielen eines Musikinstrumentes oder das feste und sichere Halten eines Hammers. Die Hand hat auch eine zentrale Bedeutung bei der Körpersprache, der Gestik und des Ausdrucks. Gleichermaßen stellt sie eine sensible und motorisch höchst differenzierte Funktionseinheit für unser tägliches Handeln dar. Es erscheint daher sowohl aus optischer, als auch funktioneller Sicht sinnvoll den oder die amputierten Finger durch eine Prothese zu ersetzen (Abbildung 2 und 3). Das Problem stellt dabei dar, dass eine Finger-, Teilhand- oder Handprothese nicht nur den oder die Finger bzw. die Hand realistisch abbilden sollte, sondern auch den enormen Kräften und Verschleißanforderungen des Alltags standhalten muss. Weil das Fehlen von einzelnen Fingergliedern, Teilen der Hand oder gar der ganzen Hand im permanenten Sichtfeld des Betrachters steht, ist der Wunsch nach einer möglichst naturgetreuen und unauffälligen Optik groß.

Wer kommt für eine Fingerprothese in Frage?

Nicht jeder Patient kommt für eine Prothese in Frage. Aber auch nicht jeder Patient wünscht eine prothetische Versorgung. Die Ursachen für diese unterschiedlichen Ansprüche an die Hand basieren auf ganz verschiedenen Ursachen. Während eine 20-jährige Studentin nach Verlust des Kleinfingers durch ein Quetschtrauma selbstsicher und überzeugend sagt „das ist jetzt mein neues -Ich – wem es nicht gefällt der kann ja woanders hinschauen“ bricht für eine gleichaltrige Patientin mit ebensolcher Verletzung eine Welt zusammen und Sie geht erst wieder aus dem Haus, wenn die Prothese angepasst wurde und perfekt sitzt. Während ein 50-jähriger Handwerker z.B. nach Amputation des Mittelfingers seinen Lebensalltag meistert und hervorragend zurechtkommen und keine prothetische Versorgung wünscht, muss ein Musiker, der mit seinen 10 Fingern verschiedene Instrumente bedient, nach einer Kleinfinger-Endgliedamputation seinen Alltag neu gestalten. Eine Reihe weiterer Einflussfaktoren wie z. B. die Persönlichkeitsstruktur, die berufliche Situation, das familiäre Umfeld, Hobbys und Interessen sowie die religiöse und kulturelle Zugehörigkeit haben großen Einfluss auf die Entscheidung für oder gegen eine Prothese. Letztendlich ist es die Aufgabe der behandelnden Ärzte, Therapeuten sowie der Fachleute im Bereich der Prothesenherstellung der betroffenen Patientin und dem betroffenen Patienten die Möglichkeiten aber auch Grenzen einer Prothesenversorgung aufzuzeigen und die Vor- und Nachteile verständlich herauszuarbeiten. Das Gleichziehen mit Nichtamputierten, die Reintegration in das soziale Umfeld sowie die Vermeidung einer psychischen Belastung und einer Stigmatisierung sind hierbei die Maxime, die es zu diskutieren gilt.

Wie geht eine Prothesenversorgung von statten?

Zur Anfertigung einer Fingerprothese sind erfahrungsgemäß zwischen 3-6 Besuche in einer auf die Herstellung von Prothesen spezialisierten Niederlassung erforderlich (Abbildung 1). Die Kontaktdaten solcher spezialisierten Firmen sind dem erfahrenen Handchirurgen sowie auch den Sanitätshäusern bekannt. Wie mit dem Stumpf bis zur Anpassung der Prothese zu verfahren ist, teilt in der Regel der behandelnde Arzt aber auch der Prothesenspezialist, der so früh wie möglich kontaktiert werden sollte, mit.

Funktionale Aspekte nach Finger- und Handamputationen

  • Zunahme der gestikulären Funktionen

  • Wiederherstellung von Halte- und Führungsfunktionen der Hand

  • Unterstützung bimanueller Arbeitsprozesse

  • Wiederherstellung und Vergrößerung der Fingerlänge, der Griff- fläche und des Kraftschlusses der Hand

  • Zugewinn an Griffarten und Greifformen im täglichen Leben

In der Sektion für Handchirurgie der Klinik für Unfall-, Hand- und Wiederherstellungschirurgie des Universitätsklinikums Gießen werden pro Jahr eine große Anzahl an Patienten betreut die prothetisch versorgt wurden oder werden muessen. In der Handsprechstunde besprechen wir ob die Indikation für eine prothetische Versorgung besteht

Gerne können Sie sich an mich wenden, wenn Sie Fragen zu dieser oder einer anderen Problematik an ihrer Hand haben.

 

Über den Autor

Dr. med. Gabor Szalay
Dr. med. Gabor Szalay
Leitender Oberarzt,
Leiter der Sektion Handchirurgie am UKGM, Gießen

Bildergalerie

Aktuelle Ausgabe2/2019