Wieviel Bewegung braucht der Mensch?

Herz-Kreislauferkrankungen stellen weiterhin die häufigste Todesursache in den Industrienationen dar. In Deutschland machen sie etwa 40 % aller Sterbefälle aus. In der Rangliste der Todesursachen folgen Tumorerkrankungen (ca. 25 %), Erkrankungen der Atemwege (ca. 7 %) und Erkrankungen des Verdauungssystems (ca. 6 %).

In der Therapie und Verhinderung von Herz-Kreislauferkrankungen spielen die Ernährung und die körperliche Aktivität bzw. die Vermeidung von sitzender Tätigkeit eine entscheidende Rolle, da sich ein inaktiver Lebensstil als eigenständiger Risikofaktor für Herz-Kreislauferkrankungen herausgestellt hat. So wird durch körperliche Aktivität die Gesamtsterblichkeit von Herz-Kreislauferkrankungen um 33 % gesenkt. Aus diesem Grund muss unter Berücksichtigung einer immer älter werdenden Bevölkerung das Hauptaugenmerk der Behandlung von Herz-Kreislauferkrankungen neben einer optimalen medikamentösen Einstellung auf der nachhaltigen Vermittlung eines gesundheitsfördernden Lebensstils liegen.

Eine Freizeitaktivität von 1100 kcal/Woche, entsprechend 30 Minuten Spazierengehen pro Tag, senkt das Risiko für Herz-Kreislauferkrankungen um 20 %. Bei diesen Daten ist von Bedeutung, dass die Intensität der körperlichen Aktivität eine zentrale Rolle spielt. So wird die Sterblichkeit durch 30 Minuten moderates Spazierengehen um 16 %, bei gleichem Zeitaufwand und höherer Intensität um fast 40 % gesenkt. Demnach scheint eine gewisse Intensität körperlichen Trainings überschritten werden zu müssen, damit ein gesundheitsfördernder Effekt erreicht werden kann. Des Weiteren sind insbesondere höhere Intensitäten körperlicher Aktivität geeignet, die maximale Belastbarkeit eines Menschen zu verbessern. Von der Deutschen Herzstiftung werden pro Woche mindestens fünfmal, besser tägliche Bewegung zwischen 30 und 60 Minuten empfohlen, zusätzlich zweimal wöchentlich Krafttraining, aktive Alltagsgestaltung sowie überwachte Bewegungsprogramme wie z.B. Herzsportgruppen für Risikopatienten.

Die Effekte eines proaktiven Lebensstils sind vielfältig:

  • Verbesserung der Blutfettwerte (Gesamtcholesterin - 5 %, LDL-Cholesterin - 2 %, Triglyzeride - 5 %, HDL-Cholesterin + 6 %)

  • Verbesserung des Zuckerstoffwechsel (Abnahme des HbA1c-Spiegels)

  • Abnahme der Entzündungsparameter (C-reaktives Protein [CRP] - 40 %)

  • Gewichtsabnahme (BMI - 1,5 %; Prozent Körperfett - 5 %)

  • Psychosozialer Benefit (Abnahme von Depressionen, Ängsten, sozialer Isolation und Stress; Steigerung der Lebensqualität; geringeres Auftreten von Demenz)

  • Ökonomisierung der Herzarbeit (reduzierter Ruhepuls, Abnahme des systolischen Blutdrucks von 5 - 10 mmHg und des diastolischen Blutdrucks von 5 mmHg, rasche Erholung gesteigerter Herzfrequenzen)

  • Verbesserung der Fließeigenschaften des Blutes

 

Aufgrund dieser Effekte nimmt körperliches Training einen wesentlichen Baustein in der Behandlung von Herz-Kreislauferkrankungen ein und sollte unbedingt in Ergänzung zur medikamentösen Therapie eingesetzt werden. Wichtig ist zu beachten, dass die Effekte körperlichen Trainings additiv zu denen der medikamentösen Therapie sind und somit in Synergie und nicht alternativ eingesetzt werden dürfen.

Ausdauertraining wie Walking, Joggen, Radfahren oder Schwimmen führt zu mehr Effekten als Krafttraining, auch wenn letzteres gleichfalls eine gesundheitsfördernde Wirkung zeigt. Inwiefern ein höherer Umfang an körperlichem Training wie Leistungssport, Marathon oder ambitionierter Freizeitsport mit täglichem Training von mehr als einer Stunde Ausdauertraining zu negativen Effekten wie dem vermehrten Auftreten von Vorhofflimmern oder auch gesteigerter Verkalkung der Herzkranzarterien führt, wird kontrovers diskutiert und ist bislang noch nicht eindeutig belegt.

Ein erhöhter Blutdruck in Ruhe und unter Belastung in Kombination mit einem körperlichen Training ist eher kontraproduktiv für ein körperliches Training, führt zu subjektivem Unwohlsein beim Patienten und nicht selten zur Beendigung des körperlichen Trainings. In diesen Fällen ist eine medikamentöse Behandlung des erhöhten Blutdrucks vor Trainingsbeginn sinnvoll. So kann in diesen Fällen auch eine höhere Belastungsintensität des körperlichen Trainings durchgeführt werden.

Es gibt nur wenige Konstellationen, bei denen aus ärztlicher Sicht von einem körperlichen Training abgeraten werden sollte. Hierzu gehören Angina pectoris bei geringer Belastung oder in Ruhe, schwere Herzklappenerkrankungen, eine ausgeprägte Herzschwäche, nicht beherrschbare Herzrhythmusstörungen und hohes Fieber.

Jeder Mensch sollte versuchen, eine körperliche Aktivität als Teil einer gesunden Lebensführung in seinem täglichen Leben umzusetzen. Dabei reicht häufig schon Treppen zu steigen, anstatt den Aufzug oder die Rolltreppe zu nehmen, zu Fuß einzukaufen und vermehrt das Fahrrad zu benutzen.

Über den Autor

Prof. Dr. med. Martin Brück
Prof. Dr. med. Martin Brück
Chefarzt der Medizinischen Klinik I
Klinikum Wetzlar
Aktuelle Ausgabe3/2018