Kinaesthetics in der Pflege

„Ich habe Rücken“ ist dieser Tage ein Satz, den ich täglich vom Pflegepersonal höre. Ob in Einrichtungen oder von ambulanten Pflegekräften. (Die Maßnahmen unseres Gesundheitsministers benötigen sicher noch Jahre, um Nachhaltigkeit zu erreichen.)

Die Frage ist: Was tun?

Ein Ansatz ist, das Bewusstsein der Pfleger und Pflegerinnen für ihren eigenen Rücken zu schärfen und auf sich selbst besser Obacht zu geben. Dieses ist durch gezielte Rückenschulungen möglich, die in unserer heutigen Zeit, sogar auch in vielen anderen Bereichen in unserem Privat und Berufsleben einen Sinn ergeben.

Kinaesthetics ist ein anderer und zudem tiefer greifender Ansatz. Doch was ist Kinaesthetics überhaupt? Das Wort setzt sich zusammen aus zwei Begriffen, wie zum einen der Kinesiologie, der Lehre von der Bewegung, und zum anderen aus dem Wort Ästhetik, welches in seiner Bedeutung nicht nur Schönheit, sondern auch Wahrnehmung umfasst. Somit bedeutet Kinaesthetics: `Wahrnehmung von Bewegung´ oder auch `Wertschätzung von Bewegung´.

Dabei liegt der Blickwinkel der Bewegung/Aktivität zunächst auf einem selbst, und daraus resultierend erst auf meinem Gegenüber. Ich achte auf mich selbst!

„Was mir leicht fällt, wird womöglich dem Anderen auch leicht fallen.“

„Was mir nahezu unmöglich erscheint, wird wohl auch mein Gegenüber nicht bewerkstelligen können“

Der Leitgedanke hierbei ist die Gesundheitsentwicklung: - meine und deine –

Wie wird das erreicht? Durch Schulungen. Basis ist zumeist ein drei tägiger Grundkurs oder Workshops von 4 oder 8 Stunden Dauer.

Was wird in diesen Schulungen vermittelt? Das Achten auf sich selbst – und das in Bewegungen Erfahrene auf das Gegenüber zu übertragen. Die Bewegungselemente und Aktivitäten entspringen dabei üblichen Alltagssituationen in der Pflege. Wie beispielsweise: Unterstützung beim Aufstehen vom Stuhl, oder: Unterstützung beim Transfer: Bett <-> Rollstuhl.

Hier wird auch schon auffallen, dass die Wortwahl ein Bestandteil dessen ist, was `Rückenschonendes Arbeiten´ bedeutet. „Ich helfe Ihnen“ impliziert bei dem Bewohner/Klienten/Patienten etwas ganz anderes, als „Ich Unterstütze Sie“. Ersteres lässt mein Gegenüber sehr gerne in Passivität verfallen – nach dem Motto – schön, der macht das schon – und bedeutet demzufolge ein mehr an Arbeit für die Pflegeperson. Während Unterstützung den Gedanken hervorrufen kann – Oh, ich muss selbst mitmachen – was nun wiederum meinen Arbeitsanteil verringert. Oder man denke an den berühmten Satz: „nach oben ziehen im Bett“. Doch wo ist oben? In Richtung Decke? Das ist klassischerweise „Oben“, sprich „Himmelwärts“. Bewegen wollen wir unser Gegenüber jedoch – Kopfwärts -.“ Kopfwärts bewegen/unterstützen im Bett“ wäre demzufolge die bessere Wortwahl.

„Ressourcen fördern und fordern“ ist ein weiterer Satz aus unserer Ausbildung, den ich jedoch als unvollständig erachte. Für mich gehört das „Ressourcen erkennen“ dazu, und ist meines Erachtens sogar noch viel wichtiger. Warum? Weil es einen zentralen Aspekt der Kinaesthetics beleuchtet – „Bewegungsmuster erkennen“. Mann denke dabei an den 50 Jahre Verheirateten, der 50 Jahre zur gleichen Bettseite ausgestiegen ist, nun in ein Altenheim kommt, das Bett mit der „Ausstiegsseite“ an der Wand steht und demzufolge derjenige zur „falschen“ Seite aufstehen muss.

(Der Leser mag sich gerne mal daheim „falsch herum“ ins Bett legen und auch wieder aufstehen – mit dem Fokus: Achten auf sich selbst! -> Was macht das mit einem selbst, und wie wird sich das wohl auswirken auf mich, wenn ich 70+ Jahre alt bin)

Nun wird klar, warum der Standort des Bettes schon entscheidend sein kann, ob ich mit dem zu Pflegenden in einer gemeinsamen Aktivität in die Mobilisationsbewegung kommen kann oder eher nicht. Nutzen wir das bekannte und erlernte Bewegungsmuster des zu Pflegenden?

Und genau dieses ist das Prinzip der Kinaesthetics, etwas an sich selbst zu erfahren um das danach auf das Gegenüber zu übertragen. Dieses gilt für nahezu alle Aktivitäten.

 

Ein weiteres, sehr gut nachvollziehbares Beispiel:

Nehmen Sie sich einen Becher zum Trinken

Setzen Sie sich aufrecht auf einen Stuhl, ohne sich anzulehnen.

Trinken Sie einen Schluck, und achten Sie auf ihre Anstrengung.

Nun heben Sie ein Bein vom Boden und trinken erneut einen Schluck.

Wie anstrengend war das nun? Wie angespannt war ihr Bauch?

Nun heben sie sogar beide Beine vom Boden, und Trinken einen weiteren Schluck.

Haben Sie noch geatmet?

 

Dieses kleine Beispiel verdeutlicht zwei Dinge. Zum einen die Selbsterfahrung in der Aktivität des Trinkens, die zunehmend schwerer wird, und was es denn wohl bedeutet, wenn der zu Pflegende keinen Kontakt mit seinen Füßen zum Boden hat.

Bewegungsaktivitäten sind der zentrale Bestandteil der Kinaesthetics Schulung. Jedoch ist ein schlichtes „sich Bewegen“ oder „Bewegen lassen“ nicht ausreichend. Es wird natürlich auch ein theoretischer Unterbau benötigt. Das Konzeptsystem hilft dabei, die Aktivität aus unterschiedlichen Blickwinkeln zu betrachten. Man schaut dabei sowohl auf die Art und Weise des Miteinanders (Wie und womit kommunizieren wir), als auch auf Funktion und Aufgabe der Anatomie (Muskeln, Knochen, Gelenke, Gliedmaßen). Des Weiteren auf die Art und Weise, wie sich Menschen bewegen und fortbewegen (incl. der Frage, was ist denn leichter für mich und somit evtl. auch für mein Gegenüber, Bewegungsmuster erkennen und Nutzen). Selbstverständlich wird auch die Umgebungsgestaltung durchleuchtet, wie auch das wichtige Thema der Anstrengung (Meine, Deine, Unsere). So kann man z.B. das Thema: „Unterstützen beim Aufstehen vom Stuhl“ unter all den sechs Konzepten betrachten, und sich wundern, wie komplex alleine das Aufstehen sein kann. Für uns Gesunde – kein Ding. Für gebrechliche, ältere, kranke, eingeschränkte Menschen, kann schon alleine die simple Aktivität Aufstehen zu einem unüberwindbaren Hindernis werden. Und so ist es die Aufgabe des Pflegenden, den zu Pflegenden zu unterstützen. Wie das am „einfachsten“ für beide gemeinsam zu bewerkstelligen ist, dafür, ja dafür ist das Hilfsmittel Kinaesthetics gedacht.

Wie wird didaktisch dieses Wissen vermittelt?

Durch eine etwas andere Art des Lernens als ausschließlich durch Frontalunterricht. Den Lernzyklus, der eigentlich schon immer eine Art unseres Lernens war, nur hatten wir das nicht vor Augen, wir haben das einfach angewendet. Durch das Vergegenwärtigen, wie wir noch lernen, fällt es uns dann auch leichter, überhaupt und bewusster mit diesem Werkzeug des Lernens umzugehen.

Und so bilden die Theorien eines jeden Lernzyklus die Grundlagen. Auf denen sich vielfältige Aktivitäten in Einzel/Selbsterfahrung sowie in Partnerarbeiten, mit wechselnden Partnern, aufbauen. Theorie und Praxis verzahnen sich dabei zunehmend. Und mit zunehmender Kursdauer wächst das Verständnis für die Bewegung/Aktivität an sich, als auch die Zusammenhänge untereinander. Ziel ist eine positive Gesundheitsentwicklung aller Beteiligten. Die eigene Bewegung bewusster wahrzunehmen und die Aktivität des anderen besser unterstützen zu können, sprich: Kompetenzzuwachs.

Über den Autor

Marc Sundermeier
Marc Sundermeier
Aktuelle Ausgabe4/2019